ABB

09.04.2015

Der folgende Artikel entstand auf Basis eines Gesprächs mit Christopher Ganz, Group Vice President Service R&D bei ABB. Christopher Ganz antwortete auf Fragen zur Positionierung von ABB zu „Industrie 4.0“ und dem „Internet der Dinge“. Und darüber hinaus, denn für ABB sind beide Trends nur ein Teil von dem, was das eigene Haus mit den verfügbaren Technologien anvisiert. Noch interessanter allerdings ist, was es bereits über praktische Beispiele zu berichten gibt. ABB hat nicht nur eine Vision. Das Unternehmen liefert.

Mehr als IoTS und Industrie 4.0

Viel haben Fachwelt, Politik und Medien diskutiert über die großen Trends, die Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft derzeit massiv verändern und in der Zukunft noch mehr verändern werden. Das eine Schlagwort in diesem Zusammenhang, Industrie 4.0, stammt aus Deutschland. Auf Grund einer Strategieempfehlung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech hat die Bundesregierung Industrie 4.0 zu einem Kernelement ihrer Hightech-Strategie gemacht. Das andere Schlagwort, das Internet der Dinge und Dienste oder Internet of Things and Services (IoTS), hat seinen Ursprung in den USA. Dort wurde im vergangenen Jahr auch das international besetzte Industrial Internet Consortium (IIC) gegründet, um entsprechende de facto Standards voranzutreiben. ABB ist in beiden Plattformen aktiv.

Christopher Ganz, Group Vice President Service R&D, ABB

An der Plattform Industrie 4.0, die künftig vom Bundeswirtschaftsministerium und nicht mehr von den Verbänden BITKOM, VDMA und ZVEI getragen wird, ist ABB von Anfang an beteiligt und begrüßt ihre Aktivitäten ausdrücklich. In einem Interview mit der Zeitschrift „Markt & Technik“ sagte Ganz Ende März: „Die Plattform hat über die letzten Jahre wertvolle Arbeit geleistet und in Deutschland zu einer lebhaften Diskussion unter Verbänden und Unternehmen geführt, das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.“ Dennoch sieht er eine Einschränkung, die für ABB nicht gelten soll: Die Vision von Industrie 4.0 ist aus seiner Sicht zu stark fokussiert auf die Optimierung der Fertigungsautomatisierung. Die Services und die Menschen, die für ABB im Mittelpunkt der Anstrengungen stehen, spielten dagegen bei Industrie 4.0 bislang eher eine Nebenrolle.

Auch im Industrial Internet Consortium arbeitet ABB intensiv mit, denn die Standards für die Nutzung eines industriellen Internets werden für essentiell gehalten. Aber auch hier sieht ABB wichtige Aspekte, jedoch nicht das Ganze berücksichtigt. Der Mensch steht dort ebenfalls nicht im Mittelpunkt. Für ABB sehr wohl.

IoTSP: konsequente Weiterentwicklung des Industrial Intranet

Seit die beiden genannten Trends diskutiert werden, gibt es auch die Diskussion darüber, ob es sich hierbei um eine industrielle Revolution handelt oder doch nur um eine neue Stufe der Evolution. Für ABB ist die Antwort eindeutig: Seit gut zehn Jahren verfolgt das Unternehmen eine Strategie, in der die Nutzung des Industrial Intranet einen Eckpfeiler darstellt. Diese Technik nun weiterzuentwickeln in ein Industrial Internet, ist für den Hersteller nur ein folgerichtiger Schritt einer Entwicklung, die schon lange erkannt ist und verfolgt wird.

Sensoren und Elektronik, Computertechnik und Software sind seit Jahrzehnten Bestandteil industrieller Produkte und Produktion. Da gibt es im weiten Feld der diskreten Fertigungsindustrie, des Energiesektors und der Anlagenbetreiber, der wichtigsten Kunden von ABB, keine Ausnahme. Was jetzt neu ist, und wo sich die Industrie mit aller Kraft um eine Lösung bemühen muss, das ist der Schritt aus der sicheren, zuverlässigen Nutzung eines Intranets in die keineswegs genauso sichere und zuverlässige Welt des offenen Internets.

Christopher Ganz: „Nur wenn wir diese Sicherheit und Zuverlässigkeit garantieren können, ist ein Industrial Internet für die Nutzer interessant. Aber dabei können wir uns eben auf die langjährigen Erfahrungen stützen, die wir und unsere Kunden mit den vorhandenen Technologien schon gemacht haben. Wir müssen nichts neu erfinden und nichts wegwerfen, unsere Kunden ebenso wenig.“

Bild rechts: Neue Wege zur besseren Ferndiagnose und –wartung, die den kostspieligen Einsatz von Servicepersonal auf Offshore-Anlagen reduzieren kann. Foto: ABB Asea Brown Boveri Ltd

Bei der Frage, was die Kunden sich von den neuen, erweiterten Möglichkeiten erwarten können, sieht sich ABB auf vertrautem Terrain. Denn im Wesentlichen dreht sich alles um die Nutzung dieser Möglichkeiten für die Optimierung und Verbesserung des Service, den ABB bereits bietet. Dass es auch um neue, bisher noch nicht mögliche Services geht, stimmt. Aber sie werden nach Ansicht von Christopher Ganz die Welt der Industrie nicht in dem Maße revolutionieren, wie dies heute von manchen Auguren an die Wand gemalt wird. Im Gegenteil gibt es bereits zahlreiche Beispiele aus der Praxis, aus denen Hersteller wie Kunden lernen können.

Vor allem aber wird es keine Industrie werden, in der die Menschen überflüssig oder weniger wichtig sind. Vielmehr geht man bei ABB davon aus, dass ihre Rolle sogar noch wesentlich wichtiger wird. Je smarter die Produkte, Maschinen und Anlagen werden, desto besser müssen die Menschen in der Lage sein, diese Technik zu beherrschen, zu steuern und zu lenken. Best Practices zu entwickeln und zu verbreiten, ist deshalb für ABB ein wichtiger Bestandteil der Strategie. Und dass beispielsweise im Rahmen der Plattform Industrie 4.0 jetzt auch die Ausbildung von Querschnittsqualifikationen von der Bundesregierung gefördert wird, findet die volle Unterstützung von ABB.

Auch auf Seiten der Hersteller und Anbieter neuer Dienstleistungen sieht Christopher Ganz den Menschen ganz weit vorn. In der Industrie gehe es nicht um irgendwelche Apps wie bei Facebook oder Amazon. Das Thema sei die Vermittlung des eigenen Know-hows über die Maschinen, Anlagen und Prozesse an den Kunden. Christopher Ganz: „Beratung ist der Kern guter Dienstleistung. Und die kann keine Maschine liefern.“

Engere Vernetzung von Service und Entwicklung

Der Service, der schon in der Vergangenheit immer die beste Lösung für den Kunden im Auge hatte, liefert die wichtigsten Anregungen für künftige Dienste. Er hat den direkten Draht zum Kunden, er weiß, was mit den Maschinen, Antrieben, Motoren und Leitsystemen vor Ort gemacht wird, wozu sie gebraucht werden, wo es Schwierigkeiten geben kann, wo sich der Betreiber einer Anlage oder der Kapitän eines Schiffes Verbesserungen wünscht. Deshalb hat ABB in den letzten Jahren großes Gewicht darauf gelegt, die Serviceorganisation besser in die Forschungs- und Entwicklungsprozesse einzubinden. Das war sehr hilfreich und hat intern dazu geführt, dass allen Beteiligten noch klarer wurde, wie wichtig der Input des Service für die Forschung und Entwicklung ist.

Bild links: Der Mensch bleibt im Internet of Things, Services and People unerlässlich als Planer und Entscheider mit einem detaillierteren und umfassenderen Überblick über komplexe Fertigungsprozesse als je zuvor. Foto: ABB Asea Brown Boveri Ltd

Gibt es Branchen oder Unternehmensgrößen, die höhere Priorität haben bei der Umstellung auf neue Methoden und Prozesse? Eigentlich nicht. Abgesehen vielleicht davon, dass die Möglichkeiten des Internet of Things, Services and People ganz besonders große Vorteile dort bieten, wo sich Maschinen und Anlagen weit weg vom Hersteller befinden, etwa bei einer Bohrstation auf hoher See, auf einem Containerschiff oder einer Anlage irgendwo in der Wüste. Hier kann eben ein Spezialist aus Norwegen sein Expertenwissen über die neue Technik an den Ort und zu den Menschen bringen, wo es gebraucht wird. Seine persönliche Anwesenheit dagegen ist – wie wir gleich an einigen Beispielen sehen werden – dazu nicht mehr unbedingt nötig. Generell sind es vor allem die Erfahrungen der Verantwortlichen bei den Kunden, die zu einem Früher oder Später des Einsatzes der modernen Technik führen.

Cloud und Big Data erweitern die Ressourcen

Zwei der Besonderheiten der technologischen Entwicklung der letzten Jahre, die in Zusammenhang mit IoTSP eine große Rolle spielen, sieht Christopher Ganz in der Cloud und in den heutigen Möglichkeiten, große Datenmengen in extrem kurzer Zeit zu analysieren. Allerdings sind beide Besonderheiten nicht per se ein Fortschritt für die Menschheit. Gerade für die Industrie kommt es sehr darauf an, wie diese Techniken genutzt werden.

Wem gehören die Daten? In der Konsumwelt scheint das schon entschieden zu sein: dem, der sie für sich beansprucht und daraus Geld macht. In der Industrie gelten andere Regeln. Christopher Ganz: „Wir sind davon überzeugt, dass der Kunde, der Nutzer unserer Maschinen, Antriebe oder Roboter, der Eigentümer der Daten ist, die mit diesen Produkten gesammelt oder erzeugt werden. Ausgenommen davon sind jene Daten, die quasi zu unserem Betriebsgeheimnis gehören. Aber letztlich trifft der Kunde die Entscheidung, was wir mit den Daten seiner Geräte tun dürfen und sollen.“

Noch etwas unterscheidet Big Data und Cloud in der Industrie von deren Nutzung in anderen Bereichen. Ganz: „Wir müssen viele Daten gar nicht sammeln, weil wir ja ganz genau wissen, was unsere Motoren oder Antriebe tun, wie sie es tun, und was dabei passiert. Wenn wir Big Data-Lösungen einsetzen, dann geschieht das auf der Basis dieses umfassenden Know-hows. Aber natürlich ist es sinnvoll, aus einer Masse von 5.000 Robotern in aller Welt Daten zusammenzuführen, wie wir dies in Bangalore mit dem Einverständnis der Kunden tun. Gestützt auf unser Expertenwissen können wir daraus sowohl Service-Angebote entwickeln, die dem Kunden größere Zuverlässigkeit und vorausschauend Hilfe bringen. Aber wir können daraus natürlich auch Schlüsse für die Weiterentwicklung und Verbesserung der Produkte ziehen.“

Das Internet of Things, Services and People in der Praxis

ABB zeigt im April 2015 auf der Hannover Messe gleich mehrere Beispiele aus der Praxis, die den unterschiedlichen Ansatz zur Fortentwicklung der Automatisierung veranschaulichen.

Smarte Störungssuche und Inbetriebnahme bei Frequenzumrichtern per Smartphone

Ein typisches Beispiel dafür, dass nicht gleich die ganze Anlage „intelligent“ sein muss, dass nicht unbedingt ein virtuelles Gerät nötig ist, um das Industrial Internet zu nutzen, sind die beiden Apps, die ABB für die meist verbreiteten Smartphone-Plattformen App Store von Apple, Googel play und Windows Store auf den Markt bringt: Drivetune bietet eine Drahtlosverbindung mit Frequenzumrichtern, die auf diesem Weg bei der Inbetriebnahme und Einstellung der Antriebe einer Anlage hilft. Der Mensch muss so nicht mehr in gefährliche oder schwer zugängliche Bereiche gehen, sondern sieht auf dem Smartphone, was er tut und was zu tun ist. Drivebase ist eine App, die über einen vom Frequenzumrichter dynamisch erzeugten QR-Code unmittelbaren Zugriff auf dessen Daten hat. Bei der Störungssuche kann auf das Suchen in Wartungshandbüchern verzichtet werden.

Mobiler Field Information Manager

Gerätekonfiguration, Diagnose und Wartung von Feldgeräten – diese Aufgaben in der Automatisierung waren bislang nicht integrativ zu lösen. Mit der Freigabe der FDI-Spezifikation (FDI= Field Device Integration) haben alle beteiligten Organisationen die Grundlage dafür gelegt. ABB zeigt auf der Hannover Messe das erste Tool, das diesen Standard umsetzt. Der Field Information Manager (FIM) gestattet die Installation und den Anschluss der Geräte für Online-Zugriff in drei Minuten bei etwa 15 Klicks statt heute häufig zwischen 30 und 90 Minuten. Der Nutzer ist dabei nicht an einen Desktop-PC, Server oder Laptop gebunden. FIM lässt sich auf einem Windows-Tablet installieren und unterstützt die notwendige Touch-Navigation. Alle wichtigen Geräteinformationen sind mit einem Klick zugänglich. Anstatt in Kontextmenüs oder Menübäumen nach der richtigen Funktion suchen zu müssen, kann der Nutzer sie jetzt intuitiv mit einer Fingerbewegung nutzen.

ABB setzt damit auf Standardisierung und Internet-basierte Software, um den Kunden auch unabhängig von den ABB-Geräten die Arbeit zu erleichtern. Das sind Dienstleistungen, die durch das Internet of Things, Services and People möglich werden.

Christopher Ganz ergänzt: „Diese Dinge sind heute möglich, und genau auf solche schnell nutzbaren Lösungen setzen wir in erster Linie. Mit einem Smartphone ein Gerät zu filmen, das eine Störung aufweist, und gleichzeitig mit einem Experten irgendwo in der Welt zu telefonieren, der die laufende Aufnahme sieht und per Ferndiagnose hilft, die Störung zu beseitigen und das Gerät wieder freigibt – das ist für mich IoTSP.“

YuMi – eine neue Art von Roboter

Bild rechts: Mit YuMi werden die Automatisierungsmöglichkeiten in industriellen Prozessen fundamental erweitert, was insbesondere für die Elektronikindustrie von Bedeutung ist. Ein neues Kapitel für Roboter als Mitarbeiter wird mit YuMi eröffnet.

Ebenfalls auf der Hannover Messe präsentiert ABB YuMi (you and me), den weltweit ersten Zweiarm-Roboter, der nicht in einem Käfig von Menschen getrennt, sondern gefahrlos mit ihnen gemeinsam arbeiten kann. Seine Arme sind gummiert, so dass die Verletzungsgefahr minimiert wird. Seine Bewegungen sind langsamer als bei üblichen Industrierobotern. Deshalb ist auch die Nutzlast, die YuMi bewegen kann, auf 500 Gramm begrenzt. Verantwortliche aus der Elektronikindustrie interessieren sich zum Beispiel dafür, dass YuMi in der Kleinteilmontage Aufgaben übernimmt, die für Menschen auf Dauer zu monoton und nicht bei gleichbleibender Qualität auszuführen sind.

Die Liste verfügbarer Beispiele für das Internet of Things, Services and People ließe sich fortsetzen. Man sollte die Homepage von ABB im Auge behalten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Hier wird eine Vision unter aller Augen realisiert.

© PLMportal

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