Das Wechselspiel von Digitalisierung und Gesellschaft

02.04.2017

Initiativseminar an der Chalmers Universität Göteborg

Es gibt keine Ecke der Gesellschaft mehr, die nicht von der Digitalisierung erfasst ist. Virtuelle und reale Welten verschmelzen. In Göteborg wurde am 15. und 16.3.2017 in einem Initiativseminar die doppelte Herausforderung deutlich, vor die uns diese Entwicklung stellt: Die Softwareentwicklung muss ihre gesellschaftlichen Auswirkungen viel stärker berücksichtigen. Und die Gesellschaft muss sich unter den Bedingungen der Digitalisierung neu definieren.

Eröffnung durch Ivica CrnkovicIvica Crnkovic (alle Fotos Chalmers), Professor für Software Engineering an der schwedischen Chalmers Universität, hatte nach Göteborg eingeladen, um über "Digitalisierung – Chancen und Herausforderungen" zu diskutieren. Rund 30 Referenten tauschten sich auf hohem Niveau zwei Tage lang aus. Neben vielen Einblicken in den neuesten Stand der Technik gab es die Erkenntnis: Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die  gesamte Gesellschaft verlangen, dass sich die ganze Gesellschaft damit befasst, nicht nur die Spezialisten. Aber diese müssen sich der Auswirkungen ihrer Arbeit viel stärker bewusst sein.

"Was ist das Menschheitsprojekt für unsere digitale Zukunft?" fragte Luciano Floridi von der Universität Oxford und dem Alan Turing Institute in Cambridge, UK. Und während Softwarespezialisten in diversen Fachgebieten den digitalen Teil der Antwort beschrieben, versuchten andere, aus Informatik ebenso wie aus Industrie und Politik, die Fragen zu formulieren, die sich die Gesellschaft insgesamt stellen muss.

Manfred BroyManfred Broy, emeritierter Informatikprofessor der TU München, zeichnete den großen Bogen der Informatikentwicklung der letzten 50 Jahre. Von einer Spezialwissenschaft für Auserwählte drang die Software bis ins Kinderzimmer vor. Das teuerste Unternehmen der Welt produziert nichts, außer Software: "Google stellt keinen Mitarbeiter ein, gleichgültig für welche Stelle, der nicht programmieren kann." Zugleich warnte Broy: "Manche Menschen glauben, dass es Sicherheit, vor allem sichere und sicher funktionierende Software, in Zukunft gar nicht mehr geben wird."

Anders YneemanIn etlichen Vorträgen wurden erstaunliche neue Erkenntnisse und Möglichkeiten vorgestellt. Etwa hinsichtlich der "visuellen Revolution", die Anders Ynnerman vom Norrköping Visualization Center und der Linköping Universität zeigte. Sogenanntes Volumen-Rendering ermöglicht heute die interaktive Untersuchung etwa von 5.500 Jahre alten Mumien in Museen, indem Tausende von zweidimensionalen CT-Schnitten parallel auf Graphik-Prozessoren verarbeitet werden. (Dazu hat er im Dezember 2016 einen Artikel in Communications of the ACM veröffentlicht: "Interactive Visualization of 3D Scanned Mummies at Public Venues")

Ulrich SendlerIm Schlussbeitrag "Automatisierte Gesellschaft – ein Widerspruch in sich" stellte Technologieanalyst und Autor Ulrich Sendler die Digitalisierung in den Zusammenhang der industriellen Revolution. Wie vor zweihundert Jahren Demokratie und Sozialgesetzgebung entstehen mussten, um die gesellschaftlichen Umwälzungen durch die Industrialisierung zu beherrschen, so müssen wir uns heute überlegen, wie Schule und Hochschule aussehen sollen, die dem digitalen Zeitalter gerecht werden. Ethik-Kommissionen, wie beispielsweise in Bayern im Oktober 2016 für autonomes Fahren eingerichtet, werden zahlreich gebraucht. Und ein Niederreißen der Grenzen zwischen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und unternehmensinternen Fachbereichen ist Voraussetzung für die jetzt nötige Vernetzung.

Alle Vorträge gibt es als Videos bei der Chalmers Universität.

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