PLM und die Nicht-Engineering-Teile der Wertschöpfung

Der Riss zwischen PLM und den Nicht-Engineering-Teilen der Wertschöpfung

München, 1. Februar 2017

Vor 45 Jahren wurde SAP gegründet. Um dieselbe Zeit begann Software auch die technischen Bereiche zu erfassen. Betriebswirtschaftliche Daten und technische Produkt- und Produktionsdaten sind bis heute zwei getrennte Datenwelten geblieben. Ob sich das im Internet der Dinge ändern wird, muss sich noch zeigen.

Y-CIM-ModellDer Wirtschaftsinformatiker Prof. August-Wilhelm Scheer hatte in den Achtzigerjahren mit seinem Y-CIM-Modell die Vision entwickelt, betriebswirtschaftliche und technische Unternehmensprozesse zusammenzuführen. Stattdessen sind diese beiden Stränge bis heute zwei parallele Prozessketten geblieben. Die eingesetzte Software hat den Graben dazwischen nicht überbrückt sondern eher noch vertieft.

Was im Y oben rechts noch mit "CAD/CAM primär technische Funktionen" zusammengefasst wurde, lässt sich heute getrost mit PLM umschreiben. Dabei ist übrigens noch in dieser Darstellung von 1990 ausschließlich von "Konstruktion" die Rede, wenn Produktentwicklung gemeint ist. Weder Elektronik noch Software tauchen als Kernelemente des Engineerings auf, erst recht nicht der Gedanke des Systems Engineerings. Auf dieser technischen Seite hat sich also eine Menge getan im Zuge der Digitalisierung der letzten 45 Jahre.

Auf der anderen Seite natürlich auch. Alle betriebswirtschaftlich-planerischen Prozesse eines Unternehmens sind heute weitgehend IT-gestützt standardisiert. Als eines der führenden Unternehmen hat sich SAP hier weltweit eine wichtige Position erobert.

In den letzten Jahren haben verschiedene Anbieter von Standardsoftware neue Anläufe genommen, die Kette der Wertschöpfungsprozesse durchgängig miteinander zu verknüpfen. Herausragende Positionen finden sich in dieser Hinsicht bei Dassault Systèmes, PTC, SAP und Siemens.

3DS CompassDassault Systèmes betreibt seit Jahren den Aufbau der 3DEXPERIENCE Plattform (im Bild der Compass, über den die Plattform funktioniert, Quelle Dassault Systèmes). Auf dieser – Cloud- und Internet-basierten – Plattform finden sich keineswegs nur die alten CAx und PLM Lösungen, sondern auch zahlreiche andere, die den reinen Engineering-Bereich verlassen beziehungsweise ihn mit anderen Unternehmensbereichen und Bereichen aus dem Produktbetrieb vernetzen. Soziale Netzwerke und Möglichkeiten der Zusammenarbeit gehören ebenso dazu wie Datenanalyse aller Art. Anwender der Plattform können Prozesse, Themen oder Business-KPIs, an denen sie interessiert sind, darüber abdecken. PAC Analystin Stefanie Naujoks schrieb deshalb nach einer Analystenkonferenz im Juni 2016: "So verstand ich, warum Dassault Systèmes und Salesfoce.com einige Funktionalitäten miteinander teilen." (PAC Blog Post 13.6.2016)

Closed Loop Lifecycle ManagementPTC hat den Begriff "Closed Loop Lifecycle Management" (Foto Sendler) geprägt. Durch den Zukauf von Systemen für das Management von Service-Lifecycle, Softwareentwicklung und Systems Engineering, und zuletzt der Technologieplattform ThingWorx für das Internet der Dinge, bietet PTC seinen Kunden die Möglichkeit, alle Daten, die während des Lebenszyklus eines Produktes – einschließlich Daten aus dem Betrieb – anfallen, an zentraler Stelle zu managen. Für den Teil, den PTC selbst nicht im Portfolio hat, insbesondere für Produktionsplanung und Produktionssteuerung, gibt es seit einigen Jahren eine enge strategische Kooperation mit dem Großkunden General Electric, der hierzu eigene Software etwa für MES (Manufacturing Execution Systems) beisteuert. Insbesondere durch die Technologieplattform ThingWorx überschreitet das Portfolio von PTC aber den reinen Engineering-Bereich und macht auch Geschäftsmodelle und laufende Produktnutzung zum Gegenstand seiner Softwaresysteme.

SAP Extended Supply ChainSAP ist längst nicht mehr der reine ERP-Anbieter. Und längst sind es nicht mehr nur einzelne Unternehmensprozesse, für die Standardsoftware angeboten wird. Der Bereich SAP PLM etwa gehört schon seit etlichen Jahren unter das Dach des "Extended Supply Chain" (Bildquelle SAP). Der Kunde soll bei der Schaffung einer durchgängigen Datenkette unterstützt werden, die den Endnutzer und die Zulieferer ebenso einschließt wie die Ingenieure, Produktionsexperten und Anlagenbauer. Nur folgerichtig ist die jüngste nochmalige Erweiterung der Kette um das Internet der Dinge. 3D-Visualisierung von Engineering-Daten, Rückmeldungen in die Produktentwicklung aus dem Service bezüglich Betriebsdaten und eventuell aufgetretener Störungen – die klare Grenze zwischen den beiden großen Anwendungsbereichen wird auch hier überschritten.

Closed Loop ManufacturingSiemens hat in der Integration seiner Digital Enterprise Suite Fortschritte gemacht. Der digitale Zwilling soll von der Entwicklung des Produkts über das Produktions-Engineering und die Fertigungssteuerung bis zum Vertrieb und Service tatsächlich die gesamte Wertschöpfung umfassen. Aber schon die Erweiterung von PLM um die Automatisierungs-IT ist ja ein großer Schritt. "Closed Loop Manufacturing" (Bildquelle Siemens) hieß ein typischer Use-Case von Siemens beispielsweise zur Hannover Messe 2016. Dabei werden durchaus Teilfunktionalitäten entwickelt, die bisher grundsätzlich eher auf der ERP-Seite zu verorten waren. Kann eine Variante eines Elektromotors mit vertretbarem Zusatzaufwand in der nötigen Zeit geliefert werden? Und wenn ja, zu welchem Preis? Solch eine Anfrage, die etwa künftig über eine Smart Factory aus dem Internet kommt, kann Siemens sehr schnell beantworten.

Die anderen PLM-Anbieter, von Aras und Contact über Dassault Systèmes und Oracle bis Procad, sehen die Anbindung der betriebswirtschaftlichen Prozesse in der Regel als Aufgabe, die in konkreten Projekten für die Kunden realisiert wird, oft auch durch auf solche Projekte spezialisierte Integrationspartner.

 

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