PROCAD

Guter Weckruf – es fehlen konkrete Anwendungsfälle

03.09.2014

Für diesen Beitrag haben sich die beiden Geschäftsführer von PROCAD, Volker Wawer und Raimund Schlotmann, mit Ulrich Sendler zu einem Gespräch getroffen. PROCAD entwickelt und liefert Softwarewerkzeuge für die Industrie: PRO.FILE als Product Data Backbone für Produktdatenmanagement (PDM) und Dokumentenmanagement (DMS); PRO.CEED für das Management der Entwicklungs-, Fertigungs- und Serviceprozesse; PROOM für das Management und den Austausch umfangreicher Datensätze mit Hilfe der Cloud.

PROCAD hat seinen Hauptsitz seit der Gründung 1985 in Karlsruhe. Standorte gibt es in Essen, Hamburg, München und Nürnberg sowie weitere Standorte in der Schweiz und in den USA. Gemeinsam mit Partnern betreut PROCAD in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien, den Niederlanden und den USA ca. 900 Kunden mit über 90.000 Anwendern. Der Anbieter beschäftigt derzeit 120 Mitarbeiter.

Industrie 4.0 ist für PROCAD ein wichtiger Weckruf an die deutsche Industrie und ihre System-und Softwarehersteller, der deutlich macht, dass der Standort Deutschland nicht ohne größere Anstrengungen auch in Zukunft ein erfolgreicher Industriestandort bleiben wird. Aber als Hersteller, dessen Kunden aus allen Bereichen der Fertigungsindustrie kommen, sieht PROCAD derzeit noch zu viel akademische Debatte und zu wenig praktisch nutzbare Anwendungsfälle rund um Industrie 4.0. Deshalb konzentriert sich der Hersteller vor allem darauf, den Kunden bei der Optimierung und Integration ihrer Prozesse zu helfen. Ein Feld, auf dem es – auch unabhängig von Industrie 4.0 – noch sehr viel zu tun gibt.

Multidisziplinäre Systeme verlangen andere Methoden in Entwicklung und Produktion

Die Frage, welche Rolle das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 für die Industrie in Deutschland spielt, ist für PROCAD klar zu beantworten: „Industrie 4.0 spielt für den Standort Deutschland eine entscheidende Rolle“, sagt Raimund Schlotmann. „Auch wenn die Veränderungen nicht über Nacht eintreten, müssen wir als führender Industriestandort so früh wie möglich beginnen und mitgestalten.“ Volker Wawer ergänzt: „Nicht nur mitgestalten. Unsere Industrie muss versuchen, dabei den Ton anzugeben und eine führende Rolle zu spielen. Sonst ist die Gefahr groß, dass Teile davon abgehängt werden. Die Industrien anderer Länder schlafen ja nicht.“

Wer die letzten Jahrzehnte Revue passieren lasse, sehe, dass immer wieder große und scheinbar unschlagbar führende Unternehmen ohne große Vorwarnung vor dem Ende standen oder übernommen wurden, weil sie die Zeichen der Zeit nicht schnell genug gesehen oder nicht schnell genug darauf geantwortet haben. Etwa in der Telekommunikation, in der Unterhaltungselektronik, im Schiffbau, aber auch in der Softwarebranche, die in Deutschland vor 25 Jahren auch eine Reihe recht erfolgreicher CAD-Hersteller aufzubieten hatte.

Jetzt geht es um eine Entwicklung der Industrie, die als vierte industrielle Revolution bezeichnet wird. Das Wichtigste daran ist aus der Sicht von PROCAD, dass die Produkte immer komplexer werden und nur interdisziplinär entstehen können, weil sie neben Mechanik und Elektrik in rasant wachsendem Umfang auch Elektronik und eingebettete Software beinhalten und mit Hilfe eigener IP-Adressen nun auch über das Internet vernetzt werden können. Diese Komplexität in dem vom Markt geforderten Entwicklungstempo zu bewältigen, sieht PROCAD als große Herausforderung seiner Kunden.

Volker Wawer

Die Komplexität heutiger und erst recht künftiger Produkte verlangt Systemdenken, also die Nutzung von Methoden des Systems Engineering, auch im Maschinenbau und anderen Branchen. „Dazu“, so Volker Wawer, „müssen die Unternehmen dafür sorgen, dass die Daten aus allen Disziplinen in einer Datenbasis verwaltet und miteinander verknüpft sind. Das ist heute nur bei den wenigsten der Fall.“ Viele bauten ihre Maschinen, Anlagen, Autos oder Komponenten ähnlich wie bisher. Meist beginne es mit der Mechanik und der Geometrie, dann würden andere Elemente hinzugefügt und oft werde erst sehr spät darüber nachgedacht, was mit Hilfe von Programmierung an Funktionalität zu realisieren sei. Selten gebe es eine Architektur, ein Design für das gesamte System. Ein grundsätzliches Umdenken scheint unabdingbar.

Für den Anbieter von Softwarewerkzeugen zum Management des Engineerings und der dafür benötigten Daten ist erstaunlich, wie viel über Industrie 4.0 diskutiert wird, und wie wenig in der Industrie und vor allem im Mittelstand konkret über die Voraussetzungen nachgedacht wird, die dazu erfüllt sein müssen. Volker Wawer: „Das erste ist das IT-gestützte Datenmanagement, das die Daten aller Fachbereiche schon in der Entwicklung umfasst. Das sehen wir erst bei sehr wenigen Kunden realisiert. Das zweite ist dann die Durchdringung aller Prozesse, so dass auf Basis derselben Daten Entwicklung, Produktionsplanung, Fertigung, Montage und Wartung betrieben werden können. Das gibt es eigentlich nur in einzelnen Ansätzen und Pilotinstallationen, aber es ist in den wenigsten Fällen gelebte Praxis.“

Vernetzung und Autonomisierung – möglich ist viel, aber was ist sinnvoll?

Raimund Schlotmann

Umgekehrt sieht PROCAD vieles von dem, was jetzt als revolutionäre Neuerung diskutiert wird, schon auf dem Weg. „Mehr Systeme mit IP-Adressen zu versehen, zu vernetzen und autonomer zu machen, ist eine erweiterte Nutzung technologischer Möglichkeiten, aber nicht etwas grundsätzlich Neues“, sagt Raimund Schlotmann. Dass ein System einem anderen System seinen momentanen Status mitteile, um beispielsweise den Materialnachschub anzustoßen, sei heute bereits Realität, wenn auch nicht im Umfang der aktuellen Diskussion. Es komme darauf an, sinnvolle Anwendungsfälle in Richtung Industrie 4.0 zu definieren und mit den jeweils vorhandenen technischen Möglichkeiten umzusetzen.

Volker Wawer kann sich vieles vorstellen, was der Industrie kürzere Durchlaufzeiten und sinkende Kosten beschert: „Wenn ein Werkzeug in einem Bearbeitungszentrum defekt ist oder fehlt, dann wäre es natürlich eine enorme Verbesserung, wenn das Bearbeitungszentrum ohne menschliches Zutun der Metallsäge zuruft, dass momentan keine weiteren Werkstücke bearbeitet werden können. Heute muss da im Leitstand jemand sitzen, der das beobachtet und entsprechende Maßnahmen sicherstellt. Vieles von dem, was heute noch Aufgabe des Leitstands ist, kann über Vernetzung automatisiert und beschleunigt werden.“ Das Problem sei, dass es zu viele Möglichkeiten gebe, und noch zu wenige Beispiele aus der Praxis, die den potenziellen Anwender überzeugen.

Dagegen seien manche Beispiele, wie sie heute für die „smarte“ Fabrik ins Feld geführt würden, ziemlich unsinnig und Ausdruck der Phantasie von Menschen, die bisher offenbar wenig mit der Fertigungsindustrie zu tun gehabt hätten. Dass beispielsweise Werkstücke in eine Halle geschoben werden und sich eine Maschine aussuchen, auf der sie einen Bearbeitungsschritt an sich selbst initiieren, das hält der Geschäftsführer von PROCAD für blanken Unsinn.

Auch die Tatsache, dass bei Industrie 4.0 fast ausschließlich über Produktion und Fabrik geredet wird, aber fast nie über das Produkt, um das es doch eigentlich geht, ist aus Sicht von PROCAD ein Fehler. Volker Wawer: „Die Industrie produziert nicht um der Produktion willen, sondern um Produkte zu verkaufen, die der Markt braucht, oder um Dienstleistungen auf Basis der Produkte anbieten zu können. Industrie 4.0 beginnt bei der Entwicklung dieser Produkte, die sich gerade so grundlegend verändern, die Systeme von Systemen werden, nicht bei ihrer Fertigung.“

Raimund Schlotmann hat vor seiner Tätigkeit bei PROCAD auch mit Cloud-basierter Software as a Service (SAS) Erfahrungen gesammelt und in den Jahren 2000 bis 2006 einen Anbieter für Supplier Relationship Management (SRM) mit dem Service-Geschäftsmodell aufgebaut – bevor Cloud Computing zu einem Hype wurde. Aus seiner Sicht ist entscheidend, diejenigen Anwendungsfälle für eine neue Technologie zu identifizieren, die unwiderlegbar einen großen Nutzen für die Kunden mit sich bringen. „Wir sind keine Evangelisten, die ihren Kunden etwas predigen.“ Und die konkreten, „den Markt bereitenden „Killer-Applikationen“ sind in seinen Augen im Falle von Industrie 4.0 noch nicht definiert.

Die Definition von Industrie 4.0 muss eindeutig sein

Volker Wawer hat sich den Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech für die Bundesregierung, die „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 – Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern“, durchgelesen. Er war ihm zu akademisch und vor allem zu kompliziert. „Es ist, als hätte jemand versucht, alles in dieses Papier hineinzuschreiben, was in irgendeinem Zusammenhang dazu stehen könnte. Ein einzelner Satz ist oft so lang, dass man am Ende nicht mehr weiß, wie er angefangen hat.“ 116 Seiten umfasst das Werk. Aber eine prägnante, eindeutige Formulierung, die für jedermann verständlich definiert, was unter Industrie 4.0 zu verstehen ist, fehlt aus seiner Sicht.

PROCAD hofft, dass die von der Plattform Industrie 4.0 der Verbände BITKOM, VDMA, und ZVEI eingerichteten Arbeitskreise zu einer Konkretisierung der Definition und vor allem zu einer Beschreibung konkreter Anwendungsfälle finden. Solange das nicht der Fall ist, bleibt PROCAD bei der Entwicklung von Software, die den Industriekunden hilft, ihre Prozesse über den Produkt-Lebenszyklus und das zugehörige Dokumentenmanagement zu optimieren. So zu optimieren, dass sie dann auch gut aufgestellt sind, um den Schritt zu Industrie 4.0 gehen zu können.

PRO.CEED (Quelle Procad)

So hat PROCAD aus Projekt- und Prozessmanagement-Funktionalität ein neues Produkt mit Namen PRO.CEED gemacht. Raimund Schlotmann erläutert: „Mit PRO.FILE können unsere Kunden ihre Daten über den gesamten Lebenszyklus verwalten und beherrschen. Um auf dieser Basis die Prozesse auf den neuesten Stand der Technik zu bringen und ein echtes Produkt-Lebenszyklus-Management umzusetzen, stellen wir ihnen jetzt Templates zur Verfügung. Dieser Ansatz macht Best Practice, wie wir sie in den verschiedenen Branchen erleben, zur Vorlage, die unsere Kunden für ihre eigenen Prozesse nutzen können. Die ersten Reaktionen sind ausgesprochen positiv.“

Die konkrete Umsetzung des Prozessgedankens in Form von einfach zu implementierenden Prozess-Vorlagen erleichtert es mittelständischen Unternehmen, PLM Prozesse ohne langwierige Implementierungsprojekte mit IT zu unterstützen. In der Integration und durchgängigen Unterstützung der gesamten Wertschöpfungsprozesse sieht Volker Wawer auch eine Chance, Potenziale von Industrie 4.0 zu entdecken und zu nutzen: „Wenn ich weiß, wie viel Zeit und Kosten bei der Wartung für den Hersteller oder seinen Kunden einzusparen sind, wenn durch die Auswertung von Sensordaten drohende Ausfälle eines Produktes oder erst recht einer Anlage vorausgesehen werden, der Service also seine Leistung erbringt, bevor es zum Ausfall kommt, dann werde ich intensiver darüber nachdenken, meine Produkte und Produktionsanlagen entsprechend umzurüsten.“ Vorausschauende Wartung sieht er als ein interessantes, frühes Anwendungsfeld für Industrie 4.0. Genauso werde die Vernetzung von Produktion und Support mit der Produktentwicklung dazu führen, dass mögliche Verbesserungen im Sinne von Fertigung und Wartung schon in der Entwicklung berücksichtigt werden.

Vieles, so das Fazit in Karlsruhe, was Industrie 4.0 an Fortschritt bringen soll, ist heute schon machbar. Etwa die direkte Verbindung von Produktentwicklungsdaten mit Produktion und Wartung. Man muss es nur tun.

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