PTC

Die Industrie steht kurz vor dem Durchbruch

21.10.2014

Für diesen Beitrag hat sich Jack McAvoy, bei PTC Director of Analyst Relations, in der PTC Zentrale in Needham, Massachusetts, mit Ulrich Sendler für ein Gespräch getroffen. PTC ist einer der führenden Anbieter von Software für Engineering und Produkt-Lebenszyklus-Management. In den letzten Jahren kamen durch Zukäufe einige Geschäftsbereiche hinzu, die unmittelbar die Themen Industrie 4.0 und das Internet der Dinge oder Internet of Things (IoT) betreffen.

PTC hat seinen Hauptsitz in Needham bei Boston in den USA. Das Unternehmen wurde 1985 gegründet und ist heute unter CEO Jim Heppelmann mit rund 6.000 Beschäftigten in Niederlassungen und Standorten auf sechs Kontinenten präsent. Gemeinsam mit mehr als 750 Partnern betreut PTC weltweit über 28.000 Kunden aus verschiedenen Branchen der Fertigungsindustrie mit annähernd 2 Millionen aktiven Softwarelizenzen. Im Jahr 2013 machte PTC weltweit einen Umsatz von rund 1,3 Milliarden US$, davon 480 Millionen in Europa.

Für PTC ist der Oberbegriff, unter dem sich derzeit die industrielle Entwicklung auf eine neue Stufe bewegt, das Internet of Things. Nahezu alle physikalischen Produkte werden künftig über das Internet miteinander vernetzt sein. Da hierzu auch Produkte wie Maschinen und Produktionsanlagen gehören, ist Industrie 4.0, worunter PTC in erster Linie die smarte Fabrik versteht, eine Untermenge von IoT. Eine Untermenge, die speziell in Deutschland aufgrund der Stärke der Produktion am Standort eine besondere Rolle spielt. PTC wird mit seinen Softwarewerkzeugen seine Kunden in allen Aspekten des Internets der Dinge, der vernetzten Produktion und der vernetzten Fertigungsschritte unterstützen.

Jedes Unternehmen sollte seine Strategie für das Internet der Dinge haben

Jack McAvoy (Foto McAvoy)

Die Verfügbarkeit von IPs für Abermilliarden von Gegenständen, von winzigen Sensoren, Aktoren und Kameras für beinahe jeden denkbaren Zweck – das ist die Grundlage für das Internet der Dinge, für eine Vernetzung nahezu aller Produkte untereinander und mit dem Menschen. Jack McAvoy (Foto PTC) sieht die gegenwärtige Situation kurz vor dem Punkt, an dem sich die Vision in Realität verwandelt: „Wir sind nicht zehn Jahre davon entfernt, sondern eher 10 bis 20 Monate. Und jedes Unternehmen sollte besser heute als morgen wissen, welche Innovationen es sich dabei zu eigen machen will, welches seine eigenen Use Cases sind.“

Das IoT birgt aus Sicht von PTC nicht nur ein enormes Potenzial für die Verbesserung von Produkten, für neue Produkte und neue Funktionalitäten. Vor allem für den Service werden völlig neue Möglichkeiten gesehen. Einerseits durch die Verbesserung des vorhandenen Service, der Wartungs- und Instandhaltungsangebote; andererseits aber auch durch gänzlich neue Dienstleistungen, die erst durch die Vernetzung der Produkte, aber auch der Maschinen und Anlagen denkbar werden – mit dem Ziel, dass Fertigungsunternehmen ihren Kunden ergebnisorientierten Nutzen liefern. Erst einen Bruchteil der möglichen Angebote könne man heute sehen. Der größere Teil werde sich erst in den nächsten Jahren auftun. Durch das IoT werde sich die Welt in einem größeren Umfang und schneller verändern, als dies in der Geschichte je möglich war.

Diese grundlegende Veränderung betrifft eben gerade auch die Hauptkundschaft von PTC, die sich in den Branchen der diskreten Fertigung findet. Alle strategischen Akquisitionen, die PTC in den letzten Jahren getätigt hat, sind logisch miteinander verknüpft, unterstützen die Ausrichtung auf das Internet der Dinge und helfen der Fertigungsindustrie, ihre Wertschöpfung umzustellen auf die neuen Herausforderungen.

Vom CAD-Angebot zur IoT-Plattform

PTC wurde 1985 gegründet als innovativer Anbieter von 3D-CAD Software. Der Name stand ursprünglich für Parametric Technology Corporation, und die Parametrik des neu auf den Markt gebrachten Systems Pro/ENGINEER war das Markenzeichen. Keiner der Konkurrenten war damals in der Lage, eine derart stringente Modellierungsmethode anzubieten, wie sie bei Pro/ENGINEER die Basis war. Der große Erfolg dieses Systems führte zur Übernahme anderer CAD-Hersteller und zur Integration von deren Software: insbesondere Computervision 1998 und CoCreate von Hewlett-Packard 2007. Heute heißt die Engineering-Software von PTC für das „Erzeugen, Analysieren, Visualisieren und Weiterverwenden von Produktentwürfen in nachgelagerten Prozessen unter Verwendung von 2D-CAD, 3D-CAD sowie parametrischer und direkter Modellierung“ – so ist es auf der Homepage  zu lesen –, PTC Creo.

Mit Computervision kam eine Software ins Haus, die schon sehr bald strategisch wichtiger wurde als CAD: das PDM-System Windchill, entwickelt von der hundertprozentigen Computervision-Tochter Windchill-Technologies. Damit zählt PTC heute zu den wenigen weltweit erfolgreichen Anbietern von Werkzeugen für Produkt-Lebenszyklus-Management (PLM).

Alle Akquisitionen der vergangenen Jahre liegen auf einer klaren, strategischen Linie, die vor allem von CEO Jim Heppelmann konzipiert, strategisch definiert und vorangetrieben wird. Er war schon der Mitgründer und Chief Technology Officer (CTO) von Windchill Technology, bevor das Unternehmen von PTC übernommen wurde. Sein gesamtes bisheriges Lebenswerk dreht sich um das Management der Produktdaten in der Fertigungsindustrie. Die jüngste Ausdehnung der Aktivitäten von PTC gehen davon aus, dass die Produktdaten auch in Zukunft das wichtigste Asset der Fertigungsindustrie bleiben.

Neben der geometrischen Modellierung von Produkten spielen eine Reihe weiterer Tätigkeiten eine zentrale Rolle in der industriellen Wertschöpfung. Möglichst durchgängig alle diese Tätigkeiten auf der Basis von Windchill unterstützen zu können, war die Triebfeder der meisten Zukäufe. Die wichtigsten waren: Arbortext für die Veröffentlichung und Verwaltung technischer Dokumente; ITEDO für technische 2D-Dokumentation; Polyplan für Manufacturing Process Management (MPM); MKS für Software- und Systementwicklung, Requirements Management sowie Application Lifecycle Management (ALM); Servigistics und Enigma für die Unterstützung des Service Lifecycle. Damit war PTC in der Lage, seinen Kunden von der Entwicklung bis zum Service multidisziplinärer Produkte eine durchgängige Plattform zu liefern.

Rapid Application Development Platform ThingWorx® (Quelle PTC)

Im vergangenen Jahr fügte PTC noch drei weitere Firmen hinzu, die den Aufbau von Infrastrukturen für das Internet der Dinge und das Ziel eines Produzenten unterstützen, das enorme Potenzial, das im IoT steckt, zu kapitalisieren – ThingWorx mit einer Plattform für das Entwickeln von nahezu beliebigen IoT Applikationen; Atego für modellbasierte Systementwicklung (MBSE); zuletzt Axeda mit einer Plattform für Maschine zu Maschine (M2M) Kommunikation und IoT Vernetzbarkeit.

Im Frühjahr 2014 hat sich PTC mit einem seiner wichtigsten Kunden, General Electric, zusammengetan, um eine Lösung auf den Markt zu bringen, die den Fertigungsunternehmen hilft, die Kette zwischen der Produktentwicklung und der Fertigung in der Halle zu schließen. Das Manufacturing Execution System (MES) GE Proficy ist jetzt vollständig integriert mit PTC Windchill. Das gemeinsame Angebot, die Proficy + PTC Windchill Lösung, bietet eine PLM-MES-Verbindung für das durchgängige Management der Produktinformationen vom Engineering über die Fertigungsplanung bis zur Produktion.

Jack McAvoy sieht PTC in einer einmaligen Position: „Keiner unserer Wettbewerber hat eine solche Durchgängigkeit in der Unterstützung des Wertschöpfungsprozesses aufzuweisen. Insbesondere hinsichtlich der modellbasierten Entwicklung moderner Systeme und der direkten Unterstützung eines Auftritts im Internet der Dinge sind wir extrem gut aufgestellt.“

Industrie 4.0 und das Internet der Dinge

Die deutsche Industrie ist für PTC einer der wichtigsten Märkte weltweit. Dass hier das Internet der Dinge mit einer sehr eigenen Betonung in Erscheinung tritt, verwundert den Softwareanbieter nicht. In den vergangenen Jahren hat gerade die Fertigungsindustrie am Standort Deutschland weltweit ihre führende Position ausgebaut. Neben der Automobilindustrie und der Luft- und Raumfahrt waren es vor allem die Hersteller von Werkzeugmaschinen, Bearbeitungszentren und der allgemeine Maschinenbau, die zu diesem Erfolg beigetragen haben. Industrie 4.0 ist aus Sicht von PTC nun die Anwendung des Internets der Dinge vor allem auf die Produktion selbst.

„Auch auf diesen Teil der industriellen Wertschöpfungskette wird das Internet der Dinge dramatische Auswirkungen haben. Die Vernetzung von Maschinen und Anlagen, die weitergehende Automatisierung der Produktion bis hin zur Autonomisierung einzelner Schritte wird die Produktion nochmals beschleunigen, die Effizienz ganzer Anlagen verbessern und die Qualität der Ergebnisse steigern. Und die Industrie wird auch gänzlich neue Services in Zusammenhang mit dem Einsatz ihrer Maschinen und Anlagen entwickeln. Unser Produktportfolio passt auch hier bestens“, sagt Jack McAvoy.

Feldbearbeitung als Dienstleistung (Quelle PTC)

"Merkmal des IoT ist die Verlagerung der Geschäftsmodelle vom Verkauf von Produkten zu Services –beispielsweise wird die Feldbearbeitung als Dienstleistung und nicht die Landmaschine selbst vermarktet." (Quelle PTC)

Aber weltweit ist die industrielle Produktion eben nur einer von vielen Bereichen, die künftig durch das IoT große Veränderungen erfahren. Der Wandel vom Angebot mechanischer und mechatronischer Produkte hin zu über das Internet vernetzten Systemen ist dabei die Grundlage für alles andere. Der zweite Aspekt betrifft die Ausweitung des Angebots von internetbasierten Dienstleistungen. Neben dem reinen Produktvertrieb wird die produktergänzende und produktbasierte Dienstleistung immer größere Bedeutung erlangen. Jack McAvoy nennt die Veränderung des Kaufverhaltens etwa bei Autos, wo die mit dem Fahrzeug verbundenen Internet-Angebote, aber auch die auf Vernetzung basierenden Sicherheits- und Fahrerunterstützungsfunktionen gegenüber Design und PS stetig an Bedeutung gewinnen.

Schließlich werde es neue Dienstleistungen und mit ihnen auch völlig neue Geschäftsmodelle geben, die heute noch gar nicht vorstellbar seien. Und auch dabei werde ein entscheidender Faktor für die Anbieter sein, wie durchgängig die industriellen Wertschöpfungsprozesse digitalisiert seien.

Er nennt das Beispiel Rolls Rolls-Royce: Der Hersteller bietet keine Triebwerke mehr an, sondern Triebwerkstunden, sodass sich die Kunden nicht mehr um die Wartung kümmern müssen. Auch Xerox, MAN, Alstom oder Caterpillar sowie kleinere und mittelständische Unternehmen seien dabei, ihre Geschäftsmodelle neu zu gestalten. Das Beispiel Renault mache zugleich deutlich, dass sich diese Verknüpfung auch in einer heterogenen IT-Umgebung realisieren lässt: Der französische Automobilihersteller setzt auf das Ersatzteilmanagement von PTC und die PLM-Lösung eines anderen Herstellers.

Jack McAvoy sieht eine Entwicklung der Industrie zu einer Welt, in der Hardware, Software und Sensoren aller Art die Grundlage bilden; in der die elektronisch strukturierten Produktdaten mit den über die Sensoren und die Software der Produkte erzeugten Daten das Material für die Analyse mit Hilfe von Big Data Lösungen liefern; und in der Apps und Dienstleistungen für den Endkunden, die diese Daten verwerten, nach und nach zum wichtigsten Umsatzträger für die Industrie werden.

(Quelle PTC)

Wie bei dem Aachener Start-up StreetScooter, das Elektrofahrzeuge für den urbanen Verkehr entwickelt. Mit den ersten Pilotfahrzeugen wird jetzt die Vernetzung über das Internet unmittelbar für die Entwicklung genutzt. 30 im einzelnen Fahrzeug eingebaute Sensoren liefern Informationen über Verbrauchsdaten und Verhalten von Fahrzeugteilen während der Pilotphase an den Hersteller. Die dazu notwendige Software und Netzinfrastruktur wurde mit der ThingWorx-Plattform von PTC in zwei Wochen erstellt. PTC hatte bereits mit Creo und Windchill wichtige Werkzeuge für die Entwicklung der Elektrofahrzeuge und die Zusammenarbeit der 80 beteiligten Partner geschaffen.

Mit Hilfe der ThingWorx Car-to-Cloud-App werden die Sensordaten von Fahrzeugen im ganzen Bundesgebiet erfasst, die dann in die Entwicklung, in Tests und in Qualitäts- oder Servicemanagement eingehen. Für den Entwickler verschmelzen dabei die virtuelle und physische Welt, in dem er nebeneinander die Designspezifikationen mit den realen Daten vergleichen kann. Wenn er beispielsweise sieht, dass eine Tür 200 Mal am Tag geöffnet wird, kann er sich den wahrscheinlichen Verschleißzeitpunkt ausrechnen und Maßnahmen zur Optimierung ergreifen. Auch zurück an die Fahrzeugflotte lassen sich Daten übermitteln, etwa um ein Softwareupdate aufzuspielen.

„Das Internet der Dinge“, so Jack McAvoy, „ist die logische Fortsetzung der industriellen Entwicklung der letzten 50 Jahre und zugleich die Realisierung industrieller Exzellenz. Wir bleiben dieser Industrie treu und bieten unseren Kunden genau die Werkzeuge, die sie für ihren nächsten Schritt benötigen.“

© PLMportal

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