Dassault Systèmes: Digitalisierung muss sich für den Kunden rentieren

Dassault Systèmes: Digitalisierung muss sich für den Kunden rentieren

Februar 2019

Der Artikel beruht auf Gesprächen mit Klaus Löckel, Managing Director EuroCentral, und Dr. Barbara Holtz, Senior Business Consultant, bei Dassault Systèmes.

Vielleicht eine der größten Überraschungen in diesen Gesprächen über die strategische Ausrichtung von Dassault Systèmes war: Die Produkte des IT-Anbieters spielen fast keine Rolle. Sie sind die Basis, auf der den Kunden Angebote unterbreitet werden. Aber das Angebot selbst ist sehr viel näher an die Kundenbedürfnisse gerückt. In den Projekten und Transformationsprozessen zur Digitalisierung, die die Industrien aller Branchen derzeit in Angriff nehmen, soll das Gesamtangebot von Dassault Systèmes sich bewähren. Welche Teile der riesigen Produktpalette dabei hilfreich sind, ist dem untergeordnet.

Was für ein Wandel in nur sechs Jahren! Drehte sich damals noch alles um den Wechsel von Version 5 auf Version 6 des 3D-CAD-Flaggschiffproduktes CATIA, so ist nun die 2012 ins Leben gerufene 3DEXPERIENCE Plattform das Zentrum. Oder noch mehr: Im Zentrum steht das, was die Kunden in ihren Prozessen mit Hilfe dieser Plattform besser machen können, nicht die Plattform und erst recht nicht einzelne ihrer Bestandteile oder Produkte.

Die Vorgabe heißt Value Engagement

Die Ansprache der Kunden durch den Hersteller hat sich gewandelt. „Value Engagement“ heißt heute das Motto. Der Wert, den der Einsatz der Plattform für den Kunden hat, soll durch den Einsatz wachsen. Und die Wertschöpfung beim Kunden schneller und besser werden. Darum geht es im Kundengespräch. Und dass diese Wertsteigerung gelingt, lässt sich inzwischen mit Beispielen erfolgreicher Projekte belegen.

Klau LöckelKlaus Löckel (Photo Dassault Systèmes): „Die Zeiten, in denen Benchmarks und Vergleiche von Features und Functions im Vordergrund standen, sind vorbei. Der Kunde zeigt uns heute in der Regel eine sehr konkrete Aufgabe. Unsere Mitarbeiter erläutern dann, wie sie diese Aufgabe auf Basis unserer Plattform lösen. Und hier gibt es eine Reihe namhafter Unternehmen von Kärcher über HOMAG bis CLAAS, die mit diesen Lösungen aufsehenerregende Ergebnisse erzielen.“

Dassault Systèmes hat aus Value Engagement eine Methode gemacht, mit der in klar definierten Schritten gemeinsam mit dem Kunden die Ausgangssituation, der zu adressierende Abschnitt der Prozesskette, das angestrebte Ergebnis in Geschäftszahlen und schließlich die Umsetzung selbst angegangen werden. Wobei sich der Hersteller in der Rolle des Editors solcher Projekte sieht.

Mit diesem Wandel – weg von der reinen Orientierung auf den Produktverkauf hin zum Nutzen des Produkteinsatzes beim Kunden – steht der Hersteller nicht allein. Aber die konsequente Fokussierung auf das Engineering als Kern der industriellen Wertschöpfungskette, und zwar auf seine moderne Form der intensiven Zusammenarbeit in multidisziplinären Teams verzweigter Ökosysteme – damit unterscheidet sich Dassault Systèmes doch deutlich.

Was steckt hinter der Digitalisierung?

Mehr oder weniger alle Kunden haben inzwischen verstanden, dass sie ihre Prozesse, Produkte und Geschäftsmodelle digitalisieren müssen. Aber nur wenige sind sich darüber im Klaren, was Digitalisierung für sie konkret bedeutet. Immer wichtiger wird für den ursprünglich als reinen IT-Tool-Anbieter groß gewordenen Hersteller deshalb der Anteil der Beratung, zum Teil durch Hinzuziehung professioneller Beratungshäuser, aber zu wichtigen Teilen auch durch die eigene Mannschaft.

Wenn Dr. Barbara Holtz mit Kunden über ein Projekt spricht, mit dem die Digitalisierung in Angriff genommen oder auf ein neues Niveau gebracht werden soll, sind oft erst einmal sehr grundsätzliche Fragen zu klären. Was genau ist das Ziel des Projekts? Warum und wie soll die Digitalisierung dabei eine Hauptrolle spielen?

Meist stellt sich heraus, dass das größte Hindernis bei der Optimierung der Prozesse darin liegt, dass die ständig wachsende Zahl von Experten nicht gut genug miteinander kommunizieren können. Nicht gut genug heißt fast immer: nicht schnell, nicht genau genug. Es dauert zu lange, bis eine Information von einem Projektpartner zum anderen gelangt, und es ist nicht selbstverständlich, dass es die richtige und aktuelle Information ist. Das liegt daran, dass die Informationen in den heute beinahe überall vorherrschenden Prozessen nicht als Daten in Echtzeit zugreifbar, sondern in irgendeinem Verzeichnis gespeichert sind, das nicht jeder kennt und öffnen kann, im schlimmsten Fall auf Papier in einem Ordner abgeheftet. Dann sind die Prozesse nicht datengestützt, nicht digital. Gleichgültig, mit welchen zig verschiedenen IT-Systemen die Daten generiert wurden.

Der wichtigste Schritt der digitalen Transformation, davon ist Dassault Systèmes überzeugt, besteht darin, diesen riesigen Unterschied zwischen herkömmlichen, dokumentgesteuerten Prozessen und digitalen, also über Daten steuerbaren Prozessen zu benennen und zu verstehen. Dann wird klar, dass eine Beschleunigung und Verbesserung nicht einfach durch den Einsatz eines bestimmten Systems erreicht werden kann. Dass es also auch nicht darum geht, die Kosten und den Funktionsumfang von IT-Tools zu vergleichen. Denn die bestehenden Prozesse zu beschleunigen oder zu optimieren, das ginge am eigentlichen Problem vorbei. Sie digital neu zu denken, um sie im zweiten Schritt mit den entsprechenden Methoden und Tools neu zu gestalten, darin besteht die Herausforderung.

Konkret heißt das: Wenn aus der Konstruktion ein 3D-Modell zur Verfügung steht, das die Geometriedaten eines Bauteils beinhaltet, kann damit eine Kollisionsprüfung gemacht, ein NC-Programm erzeugt und ein schönes Bild für das Marketing erstellt werden. Aber das sind nicht die großen Probleme der Jetztzeit, in der Produkte zu vernetzten Systemen mit integrierten Diensten werden. Es sind die Probleme, die bisher in der Mechanik im Vordergrund standen und eigentlich in den Unternehmen längst gelöst sein sollten.

Maximale Unterstützung für modellbasiertes Systems Engineering

In einem modernen Entwicklungsprojekt, bei dem ein vernetztes System das Ziel ist, brauchen alle Beteiligten nicht nur ein 3D-Modell, sondern Daten aus allen Bereichen, und zwar in jeder Dimension. Etwa Verhaltensmodelle für den Test, logische Ablaufpläne aus der Elektronik oder aus der Softwareentwicklung, Modelle für die Simulation und Berechnung. Und zwar nicht erst, wenn der betreffende Bereich seine Arbeit erledigt hat, sondern von der ersten Idee an, wenn die Anforderungen, die Requirements definiert werden, die klären, was das System später können und wie es funktionieren soll.

Dieser Bereich ist übrigens in der heutigen Industrie derjenige, in dem die Fachkräfte am dringendsten fehlen: beispielsweise Systemarchitekten, die die Gesamtarchitektur des Produktsystems beschreiben, seine Entwicklung vorantreiben und die Erfüllung der Anforderungen zu jedem Zeitpunkt prüfen können. Denn die Industrie arbeitet in der Entwicklung solcher Produkte und Systeme – zunehmend auch im Mittelstand – mehr und mehr mit der Methode des modellbasierten Systems Engineerings (MBSE). Diese verfolgt die Requirements (R) über die Definitionen der Funktionalität (F) und der dafür benötigten Logik (L) bis in die Realisierung der physikalischen (P) Komponenten. RFLP hat sich als Kürzel für diese Methode durchgesetzt.

„Es gibt kaum ein Unternehmen“, sagt Dr. Barbara Holtz, „in dem diese Fragen nicht sehr schnell im Mittelpunkt stehen. Und damit sind wir genau bei dem, was wir mit der 3DEXPERIENCE Plattform adressieren und auf was übrigens fast alle Akquisitionen der letzten Jahre zielten. Daten aus allen an einer Systementwicklung beteiligten Parteien sollen jederzeit genau dort zur Verfügung stehen, wo sie benötigt werden. Das funktioniert am besten, wenn sie dazu nicht erst gesucht und konvertiert werden müssen, sondern wenn sie auf derselben Plattform in Echtzeit zu haben sind.“

Global DevelopmentDas Datenmodell, mit dem ein Unternehmen arbeitet, sollte also möglichst so beschaffen sein, dass es systemische Entwicklungsarbeit unterstützt. Diesem Anspruch wird das Datenmodell der Engineering Plattform von Dassault Systèmes immer besser gerecht, und es ist schon jetzt kaum noch mit jenem vergleichbar, mit dem die Plattform vor sechs Jahren begonnen hat. (Bild: Dassault Systèmes)

Ein vordefiniertes Datenformat reicht nicht mehr aus

Mit den herkömmlichen Datenmodellen von IT-Systemen wie in den Anwendungen von CAD, PDM oder CASE (Softwareentwicklung) hat es nicht mehr viel zu tun. In den ersten Jahrzehnten der IT-Unterstützung wurden solche Datenmodelle für einen bestimmten Spezialaufgabenbereich definiert und boten genau die Datenelemente, die in dem jeweiligen Gebiet nötig waren.

Jetzt geht es um eine Ausweitung des Modells in fast jede Richtung.

Multidisziplinarität: Die Prozesse in der Elektronik sollen mit dem Datenmodell ebenso gut funktionieren wie in der Mechanik, der Informatik oder der Berechnung. Das allein ist schon eine große Herausforderung, denn jeder dieser Bereiche hatte bislang seine eigene Sprache, seine eigenen Systeme und natürlich entsprechend proprietäre Datenformate. Aber wie soll das Funktionieren einer Motorsteuerung für einen Fensterheber in einem Fahrzeug in Zusammenhang mit der Mechanik des Fensters simuliert und sicher geprüft werden, wenn alle Daten getrennt und in unterschiedlichen Formaten vorliegen? Bestenfalls müssen sie dann für die Simulation erst einmal zeitaufwendig über Schnittstellen in ein Funktionsmodell konvertiert werden.

Die Wertschöpfungskette übergreifend: Die Durchgängigkeit des Datenmodells sollte von der ersten Idee oder Anforderung nicht nur bis zur Fertigung, sondern über den Vertrieb hinaus bis zur Inbetriebnahme und zum Betrieb reichen. Sonst gibt es einen Bruch zwischen den Daten des Engineerings und den Daten aus dem Betrieb. Aber die inzwischen überall diskutierten neuen Dienste im B2B-Geschäft der Industrie, das sogenannte Internet of Things (IoT), betreffen zum Beispiel Predictive Maintenance, sollen also dem Hersteller erlauben, seinen Kunden vorausschauende Wartung anzubieten. Dazu müssen die Produktdaten an der Maschine verfügbar sein. Aber umgekehrt stehen auch völlig neue Daten aus dem Betrieb beim Hersteller – zugleich Anbieter neuer Dienste – zur Verarbeitung an, die im herkömmlichen Engineering analoger, unvernetzter Produkte gar nicht vorkamen.

Für Fertigungs- und Prozessindustrie: Die Lösung dieser Aufgabe wird vielleicht am schwierigsten. Ein einziges Datenmodell, das die eben beschriebenen Herausforderungen erfüllt, aber nicht nur für die Fertigungsindustrie und den Maschinenbau, sondern auch für die Hersteller und Betreiber von Anlagen, beispielsweise in der Chemie oder Pharmazeutik. Im einen Bereich geht es um die Entwicklung und Herstellung von Dingen und Diensten, im anderen um die Rezeptur und Verarbeitung von Molekülen, um mit den Ergebnissen Dienste anbieten zu können.

Das alles ist nicht wie früher mit einem einzigen ‚Format‘ und mit im Vorfeld definierten möglichen Datenelementen zu realisieren. Die 3DEXPERIENCE Plattform steuert stattdessen auf das Modell eines sogenannten ‚Datensees‘ zu, in dem sich die gesamten Daten des Unternehmens und seiner Produkte und Dienste finden lassen. Nur dass sie nicht einfach völlig unstrukturiert hineingeworfen werden, sondern über ihre Metadaten sofort und zielsicher zugreifbar sind.

Dieser bisher umfassendste und wirklich generische Ansatz für ein Datenmodell ist ein Alleinstellungsmerkmal. Es versetzt Kunden in die Lage, sehr rasch Aufgaben zu lösen, die heute fast unlösbar scheinen. Als Beispiel verweist Dr. Barbara Holtz auf einen Flugzeugbauer, der aus bestimmten Gründen an einem Bauteil im Tragflächenbereich deutlich Gewicht einsparen muss, ohne aber die Sicherheit und funktionale Qualität des Teils in Frage zu stellen. Für die Lösung sind plötzlich Daten aus dem Bereich der Werkstofftechnik und möglicherweise sogar der Kunststoffherstellung entscheidend, die bis hin zu Fragen der Molekular-Biologie und Chemie reichen können. Dafür reicht das gesamte Datenumfeld aus dem traditionellen Engineering der Fertigungsindustrie nicht mehr aus. Ein sehr typischer Fall für eine sogar industrieübergreifende Anforderung an das Datenmodell.

Eine konfigurierbare Plattform für alles

Ursprünglich war das Motiv für die 3DEXPERIENCE Plattform, möglichst alle Daten in einer einzigen Datenbank vorzuhalten. Die bisherige Arbeit mit Dateien und Verzeichnissen einschließlich des Zwangs zum Datenaustausch mit Konvertierung sollte abgelöst werden durch das Arbeiten in einer Datenbank, in der alle Daten aller Anwendungen in Echtzeit zur Verfügung stehen.

Vor allem zwei Gründe setzen diesem Ansatz Grenzen. Erstens ist es wohl für kein Unternehmen und noch weniger für Projektpartner in einem ganzen Ökosystem möglich, alle Systeme abzuschalten oder zu ersetzen, die für unzählige Spezialaufgaben entstanden, entwickelt oder angepasst worden sind. Es wird also vermutlich immer Tools geben, deren Daten in einem proprietären Format irgendwo gespeichert sind. Und zweitens hat Dassault Systèmes zwar mittlerweile eine ungeheure Fülle von Spezialanbietern übernommen und ihre Systeme in die Plattform integriert, aber es wird nie möglich sein, für jede denkbare Aufgabe das beste Tool im eigenen Angebot zu haben.

Breakout Session während 3DEXPERIENCE Forum 2018Breakout-Session HOMAG auf dem 3DEXPERIENCE Forum 2018 (Photo Sendler)

Deshalb gibt es diverse Wege, auf denen heute Kunden mit der Plattform arbeiten, die gleichzeitig auch Systeme nutzen, die nicht in die 3DEXPERIENCE integriert sind. Die Plattform kann natürlich auch mit Daten aus Files und Verzeichnissen umgehen. Konvertierung ist heute keine Aufgabe mehr, die Unternehmen mit nicht zu bewältigenden Aufwänden konfrontiert. Aber – und das wurde auf dem letzten 3DEXPERIENCE Forum sowohl von CLAAS als auch von HOMAG betont – mit Power’by auf Basis der PLM Collaboration Services hat Dassault Systèmes inzwischen eine Möglichkeit im Angebot, die das Arbeiten auch mit Daten aus Drittsystemen in einem Tempo ermöglicht, die dem innerhalb der Plattform sehr nahekommt.

Dr. Barbara Holtz: „Das Engineering ist der Kreativbereich in der Industrie. Mit der Digitalisierung steigt die Herausforderung an die Kreativität der Ingenieure nochmals dramatisch. Dem muss unsere Plattform gerecht werden. Sie soll immer einfacher von den Kunden selbst konfigurierbar sein.“

Und auf welches Ziel steuert Dassault Systèmes mit seiner Plattform zu? Wird der Marketplace, auf dem sich die Entwickler und Fertiger im Additive Manufacturing treffen, eine weitere Industrie-Cloud mit Apps für die Industrie von der Industrie? „Nein“, sagt Klaus Löckel, „was wir anstreben, ist eine Plattform, auf der sich Engineering-Spezialisten aller Couleur treffen, um die vernetzten Produkte und Dienste der Zukunft zu entwickeln. Dafür muss die 3DEXPERIENCE Plattform ihnen alles an die Hand geben.“

Also keine weitere Industrie-Cloud, sondern möglicherweise die Engineering-Cloud. Ein spannender Ansatz mit einer Menge Potenzial, der sich jedenfalls von denen des Wettbewerbs unterscheidet.

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