Corona-Warn-App in der persönlichen Nutzung

19.11.2020

Die Bundesregierung hat nach einigem Hin und Her und langen Debatten über die richtige Berücksichtigung der Datenschutz-Grundverordnung bei SAP und T-Systems eine App in Auftrag gegeben, die Mitte Juni vom Robert-Koch-Institut freigegeben und zum kostenlosen und freiwilligen Download zur Verfügung gestellt wurde. Diese Corona-Warn-App wurde laut Angaben der Regierung bisher mehr als 20 Millionen Mal heruntergeladen. Das ist besser als nichts.

Wenigstens 50 Millionen, nämlich mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, müssten die App allerdings herunterladen und aktiv nutzen, damit sie ihre Wirkung voll entfalten kann. Trotz aller Bemühungen um den Schutz der persönlichen Daten sind wir davon weit entfernt. Und das Hinterherhinken der Deutschen in  Sachen Digitalisierung des Alltags tut sein Übriges. So manch einer hat die App zwar heruntergeladen, aber das Smartphone nicht eingeschaltet in der Tasche, wenn er in den Supermarkt oder in den Park geht.

Aktiv nutzen heißt aber auch, einen eigenen positiven Covid-19 Test in der App bekannt zu machen. Wenn der Getestete dafür einen QR-Code bekommt, kann er den mit dem Smartphone direkt in die App scannen. Ansonsten muss er manuell in der App eine entsprechende Meldung machen. Ab diesem Zeitpunkt kann die App alle Inhaber von Smartphones, auf denen die App installiert ist, darüber informieren, ob sie sich riskant lange und nah bei diesem Infizierten aufgehalten haben.

Das funktioniert offenbar ziemlich gut, und es ist gut, dass eine solche App verfügbar ist. Die Daten landen nicht bei der Regierung, dem RKI oder bei der Polizei. Nicht einmal erfährt man unmittelbar und in Echtzeit bei einer Begegnung von der Infektion des Gegenübers. Der Infizierte bleibt anonym und geschützt.

Warnungen, die unnötigerweise in Panik versetzen

Doch so einfach, wie sich das anhört und wohl von vielen verstanden wird, ist es nicht. Die App kann durchaus Warnungen abgeben, die unter Umständen den Nutzer zum Test verleiten, obwohl das gar nicht nötig wäre. Zwei Beispiele aus meinem eigenen Erlebnis der App-Funktionalität und dem eines Freundes sollen das veranschaulichen.

Erhöhtes RisikoAm vorletzten Wochenende bekam ich die Warnung vor rotem Hintergrund: „Erhöhtes Risiko – 24 Risikobegegnungen – 3 Tage seit der letzten Begegnung“. Es war das erste Mal, dass ich diese rote Seite sah. Ich erschrak und glaubte zu verstehen: Ich hatte 24 Begegnungen mit infizierten Personen. Mit 24 Personen? Das war mein erster Gedanke. Wo war ich, dass ich so vielen positiv Getesteten begegnet sein könnte? Mit fiel nichts ein.

Auf den Hinweis eines Informatikers, dass die „Risikobegegnungen“ auch die Nähe zu positiv getesteten Personen durch Wände oder Zimmerdecken meinen könnten, forschte ich nach und fand tatsächlich heraus, dass eine in einer angrenzenden Wohnung lebende Familie vom Virus getroffen war. Der Bluetooth-Sensor meines Smartphones hatte durch Wand und Decke die Positivkennung registriert.

Änderung nach 14 TagenDa ich am Wochenende weder den Hausarzt noch das Gesundheitsamt erreichen konnte, hatte ich mir schon einen Testtermin für Montag in einem städtischen Testzentrum besorgt, den ich jetzt wieder stornierte. Weder hatte ich irgendwelche Symptome, noch hatte ich mit der betroffenen Familie tatsächlich Kontakt. Heute zeigt meine App erstmals wieder auf grünem Hintergrund: „Niedriges Risiko – 2 Begegnungen mit niedrigem Risiko“. Die 14 Tage, die die App sich bei mir die Bluetooth-ID des einen oder der mehreren Smartphones gespeichert hatte, waren gestern um.

Mangelnde Transparenz der Funktionsweise der App

Ein zweites Beispiel bei einem Freund: Rot wurde angezeigt, „Erhöhtes Risiko – 2 Risikobegegnungen – 9 Tage seit derletzten Begegnung“. Der Freund konnte sich genau erinnern, wen er an jenem Tag getroffen hatte, der nicht zu seinem Haushalt gehörte. Ein Handwerker hatte im selben Raum mit ihm etwa eine Stunde gearbeitet.

Erhöhtes Risiko 9 Tage zuvorMein Freund hat keine Symptome und wird nicht zum Hausarzt gehen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Handwerker zum Zeitpunkt seines Besuchs bei meinem Freund noch gar nicht infiziert und infektiös war. Möglicherweise hat er drei oder vier Tage später etwas gespürt, sich testen lassen und dann, acht oder neun Tage nach der Begegnung, ein positives Ergebnis bekommen. Jetzt zeigte die App meines Freundes die Risikobegegnung an, aber sie hatte vor der Infektion des später positiv getesteten Handwerkers stattgefunden. Innerhalb von 14 Tagen waren sich das Smartphone meines Freundes und das des Handwerkers gefährlich  nahe gekommen, aber zu einem Zeitpunkt, wo noch gar keine Gefahr bestand.

Ich habe sowohl bei den Entwicklern von SAP als auch in der App als auch auf der Seite von Bundesregierung und RKI nachgeschaut, ob solche Möglichkeiten erwähnt werden. Fehlanzeige. Ich habe im Internet nirgends einen Hinweis auf solche Fälle gefunden. Nicht wundern würde ich mich, wenn mancher App-Nutzer in den letzten Wochen einen Test gemacht hat, weil er auf ähnliche Weise verunsichert war und nichts über diese Möglichkeit der Fehlwarnung wusste.

Es ist nicht schlecht, dass die App so gut über mögliche Risikobegegnungen Bescheid weiß. Schlecht ist, dass die Beschreibungen ihrer Funktionsweise so sehr auf Datenschutz und Technik fokussiert sind, dass ihre Warnungen sehr leicht fehlinterpretiert werden können. 24 Risikobegegnungen können tatsächliche Risikobegegnungen mit 1 bis 24 Personen gewesen sein. Es können aber auch Begegnungen durch Wand und Decke gewesen sein, die völlig ungefährlich waren.

Das zu wissen, erleichtert mir inzwischen den Umgang mit der App erheblich. Vielleicht auch dem einen oder anderen Leser beziehungsweise der Leserin. Deshalb: Bitte weitersagen!

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