Hannover Messe 2016: Ist die US-Industrie zurück?

02.05.2016

2016 war die Digital Factory nicht wiederzuerkennen. Ausdehnung in die Hallen 8 und nun auch 6, eine Vielzahl neuer Aussteller und eine sichtbare Verschiebung der Schwerpunkte. Volle Hallen und reger Betrieb an den Ständen dürften Messegesellschaft wie Aussteller in ihrer Mehrzahl zufriedengestellt haben.

In diesem Jahr waren die USA Partnerland der Hannover Messe, und mit Barack Obama kam erstmals ein US-Präsident zur Eröffnung und zum Besuch nach Hannover. Für die Besucher am ersten Messetag auch eine Geduldsprobe, denn solange Obama in den Hallen war, konnten die Besucher nicht hinein. Aber 465 US-Aussteller verzeichnete die Deutsche Messe, fünf Mal mehr als im Durchschnitt der letzten Jahre. Bei den Besucherzahlen aus dem Ausland rangierten die USA gemeinsam mit den Niederlanden und Indien mit jeweils 5.000 Besuchern allerdings hinter China, von wo 6.000 gekommen waren. Insgesamt besuchten 190.000 Menschen die Hannover Messe, ein Plus von 10 Prozent gegenüber der Vergleichsmesse 2014.

Digital Factory platzt aus den Nähten

Digital Factory Hall 7Auch in der Digital Factory (Halle 7, Foto Sendler) waren die USA deutlich zu spüren. Zahlreiche Aussteller und vor allem ein Großteil der neuen haben ihre Zentrale in den Vereinigten Staaten: Etwa AT&T, IBM und Microsoft. Die Digital Factory, als Leitmesse für integrierte Prozesse und IT-Lösungen bisher Marktplatz der Anbieter von IT für die zentralen Prozesse der industriellen Wertschöpfung, hat sich in diesem Jahr gewandelt. Die Anbieter von CAx und PLM waren als starker Kern in die Halle 6 ausgelagert, in der sich ansonsten die Zulieferer finden. In der Haupthalle 7 dagegen prägten Ausstellungskästen mit Kunststoffteilen, Robotervorführungen und sensorbestückte Großprodukte wie Flugzeugturbinen das Bild, ergänzt durch 3D-bebrillte Besucher einer Smart City Show von AT&T. IBM, früher einmal PLM-Anbieter, war mit einem großen Stand zurück, allerdings für die Marke "IBM Watson IoT".

Die Veränderung der Szene ist das Ergebnis der seit mehreren Jahren in den Vordergrund gerückten Initiative Industrie 4.0, die in diesem Jahr auch noch durch Aktivitäten mit dem Industrial Internet Consortium ergänzt wurde. Dass dabei stets der Schwerpunkt auf die Fertigung gelegt wird, führte nun allerdings dazu, dass es in der Halle 7 ähnlich aussah wie in einer der vielen Hallen der Automation, während die IT-Anbieter als ehemals harter Kern ausgelagert waren. Dieser Kern war dabei auch noch geschrumpft, denn PTC gehörte nicht mehr dazu. Im Übrigen waren alle bekannten Aussteller wieder vertreten: von Aucotec über Autodesk, Dassault Systèmes und Eplan bis Siemens PLM, SAP als einziger dieser Großen wieder in Halle 7.

Industrie 4.0 und Industrial Internet

Nachdem die letztjährige Hannover Messe der Ort war, an dem die Plattform Industrie 4.0 unter die Fittiche der Bundesregierung genommen wurde, konnten erste Ergebnisse präsentiert werden. Eine große Pressekonferenz mit Podiumsdiskussion zeigte in der Tat ebenso wie verschiedene andere Veranstaltungen, vor allem auch im Forum der Halle 8, dass die Beteiligten sich alle Mühe geben, die Initiative zum Erfolg zu führen.

Die AG-Leiter beim Forum Industrie 4.0Die Leiter der AGs der Plattform im Forum Industrie 4.0: von rechts nach links: Dr. Constanze Kurz, IG Metall, AG Arbeit, Aus- und Weiterbildung; Dr. Hans-Jürgen Schlinkert, ThyssenKrupp, AG Rechtliche Rahmenbedingungen; Michael Sandner, Volkswagen, AG Sicherheit vernetzter Systeme; Johannes Diemer, HP, AG Forschung und Innovation; Dr. Peter Adolphs, Pepperl+Fuchs, AG Referenzarchitekturen, Standards und Normung; Julia Kurz, Moderatorin. (Foto Sendler)

Ein wichtiges Ergebnis: In Deutschland scheint es zu gelingen, dass Industrie, Forschung, Gewerkschaften, Verbände und Politik gemeinsam an einer für den Standort passenden Entwicklung arbeiten. Ein Vertreter des BMWi beschrieb die Mitarbeit in den Arbeitsgruppen als eine Art Echtzeit-Beratung, denn durch die aktive Teilnahme der Politik könnten politische Konsequenzen bereits überlegt werden, während die technischen Entwicklungen anliefen. Eine gute Voraussetzung, um nicht später reagieren zu müssen, sondern gestalterisch mitzuwirken. Demgegenüber lautete das Credo eines Vertreters der US-Politik: "We have to get out of the way and let them do it".

Brigitte ZypriesBrigitte Zypries, Parlamentarische Staatssekretärin BMWi (Foto Sendler)

Dennoch, auch in den hoch offiziellen Veranstaltungen der Plattform verging keine Rede und keine Debatte, ohne dass Industrie 4.0 und die vierte industrielle Revolution auf die "digitalisierte Produktion" reduziert wurde. Bis auf eine Ausnahme: die Parlamentarische Staatssekretärin des BMWi Brigitte Zypries, die in einer Podiumsdiskussion darauf hinwies, dass bereits bei der Entwicklung innovativer Produkte, in Design und Engineering, die später mit den Produkten beabsichtigten Dienstleistungen für den Kunden eine zentrale Rolle spielen müssen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erwiderte dem charmierenden Obama in der Eröffnungsveranstaltung auf seine Ankündigung erneuter Stärke der US-Industrie: "Wir sind gewappnet. Wir lieben den Wettbewerb. Aber wir gewinnen auch gern."

Das war gut gesagt. Aber wenn man eine Woche danach in den veröffentlichten Geheimdokumenten liest, wie sehr die USA in und mit geheimen Verhandlungen über TTIP versuchen, die EU über den Tisch zu ziehen, scheint es mehr als Schlagfertigkeit zu brauchen, um gegen die USA zu gewinnen. Und auch dazu nutzte der US-Präsident seinen Besuch: um mit einer einstündigen Rede, in der er alle Register einer erstklassigen Prediger-Rhetorik bemühte, die wachsenden Zweifel an TTIP zu zerstreuen. Es gibt keinen Grund, auf eine gut meinende US-Industrie zu setzen. Coopetition ist angesagt. Nicht naive Kooperation.

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