Innovationsindikator – Schlaglicht auf Digitalisierung in Deutschland

30.07.2017

Gute Ausgangsposition, aber Digitalisierung mit angezogener Handbremse – so könnte man die Ergebnisse des Innovatinsindikators 2017 zusammenfassen, der am 24.7. veröffentlicht wurde. Deutschland ist insbesondere durch die früh gestartete Initiative Industrie 4.0 international gut aufgestellt. Doch gravierende Mängel in der Infrastruktur und generell in der Unterstützung durch die Politik sorgen ebenso wie der Mangel an Verständnis – vor allem bei mittelständischen Unternehmen – für ein schlechtes Ranking Deutschlands im Detail.

Mit dem seit 2005 jährlich veröffentlichten Innovationsindikator werden im Auftrag von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) 35 Volks­wirtschaften daraufhin untersucht, wie innovationsorientiert und -fähig sie sind. Der Indikator wird von einem unabhängigen wissenschaftlichen Team erarbeitet, das aus dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim besteht. In diesem Jahr wurde erstmals neben 38 Indikatoren in den fünf Bereichen Wirtschaft, Bil­dung, Wissenschaft, Staat und Gesellschaft auch ein Digitalisierungsindikator eingeführt.

Gute Gesamtnote(Alle Grafiken acatech BDI Innovationsindikator 2017)

Deutschland gehört nach der Studie zwar zu den innovationsstärksten Ländern der Welt und rangiert wiederholt als Vierter in der Gesamtbewertung und damit inzwischen noch vor Großbritannien und den USA. Aber in keinem der genannten Teilbereiche wird eine Spitzenposition erreicht. Die mit Abstand höchsten Werte erzielen die Schweiz und Singapur. Die Schweiz ist dabei das einzige Land, für das der Indikator in allen fünf Teilbereichen Toppositionen ausweist.

Die relativ gute Positionierung Deutschlands beruht vor allem auf einer guten beruflichen Ausbildung und einem hohen Anteil von Akade­mikern mit Spitzenqualifikationen in den MINT-Fächern, einem hohen Beitrag der Hochtechnologiebranchen zur Wertschöpfung, einer relativ hohen staatlichen Finanzierung des Wissenschaftssystems und einer hohen Anzahl von Patentanmeldungen je Einwohner.

Gesamtgrafik Innovationsindikator 2017Zurückgegangen sind dagegen der Handel mit deutschen Hochtechnologiegü­tern, der Beschäftigtenanteil in wissensinten­siven Dienstleistungen und die Wagniskapi­talinvestitionen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Laut der Studie fehlt es in Deutschland an staatlicher Förderung von Forschung und Entwicklung: "Anders als in den meisten anderen Industrienationen verzichtet der Staat bislang auf eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung (FuE); die direkte Förderung von FuE in Unter­nehmen durch Zuschüsse oder FuE-Aufträge der öffentlichen Hand fällt ebenfalls vergleichs­weise gering aus."

Neu: Digitalisierungsindikator

Extrem schlecht steht Deutschland beim Digitalisierungsindikator da. Der Indexwert 44 beschert den Platz 17. die Studie hält fest: "Besonders groß ist der Abstand zu Großbritannien und den USA. Handlungsbedarf besteht vor allem beim Breitbandausbau, der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung, in Teilen des Bereichs Forschung und Technologie sowie bei digitalen Geschäftsmodellen."

DigitalisierungsindikatorWährend beispielsweise der Verband der bayerischen Metall- und Elektroindustrie weiß, dass rund 60% seiner Mitgliedsfirmen ihren Hauptsitz in ländlichen Gegenden haben, konzentriert sich die Bundesregierung nach der Studie eher auf die Selbstregulierung des Breitbandangebots durch den Markt. Die Studie prognostiziert bezüglich des schnellen und sicheren Glasfasernetzes: "Insbeson­dere die Anbindung an Unternehmen wird daher vermutlich zunächst in den Ballungsräumen re­alisiert, bevor es großflächig im ländlichen Raum verfügbar wird." Und weiter: "Ein Infra­strukturziel, das sich konkret auf Glasfaserlei­tungen festlegt, wie dies derzeit zum Beispiel in Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern versucht wird, ist auf Bundesebene derzeit nicht in der Diskussion."

Aber auch auf der Seite der Unternehmen sieht es nicht besonders ermutigend aus. Vom Softwareeinsatz über die Beschäftigung von IT-Spezialisten und Online-Lösungen bis hin zu Cloud-Computing sind die deutschen Unternehmen mit 42 Punkten nur Durchschnitt.

IT für die Digitale FabrikGerade bei den KMUs und in wenig technologieintensiven Branchen ist die Durchdringung mit digitalen Anwendungen gering. Selbst die Digitalisierung von Produktionsprozessen ist laut Studie keineswegs so stark, wie es "die Intensität der öffentlichen Diskussion über Industrie 4.0 vermuten lassen würde." Beispielsweise zeigt eine interessante Grafik das Ausmaß, in dem die Industrie Softwaresysteme zur Unterstützung ihrer Prozesse einsetzt. Jene zur Produktionsplanung und -steuerung haben zwar eine relativ weite Verbreitung, PLM-Systeme dagegen rangieren fast an letzter Stelle.

Plattformökonomie noch schwach

Offensichtlich fehlt in der Breite ein Verständnis und Gefühl davon, dass künftige wirtschaftliche Erfolge auf digitalen Plattformen stattfinden. Hier ist die Studie zugleich Lehrmaterial: "Es gilt, statt einer produktzentrierten Optimierung die Inno­vationsbemühungen und Geschäftsmodelle am Nutzer und seinen Bedürfnissen auszurichten. Die Unternehmen können ihre Kunden durch eine datenbasierte zielgenaue Ansprache mit exakt zugeschnittenen Produkten und Dienstleistun­gen versorgen und neuartige Nutzererfahrungen ermöglichen. Solche individualisierten Angebote können dabei zum Preis eines Massenprodukts angeboten werden. Viele Unternehmen stehen in dieser Hinsicht noch am Anfang der digitalen Transformation. (...) Gefragt sind neue Geschäftsmodelle, die auf der Basis von digitalen Serviceplattformen Smart Services entwickeln."

Die negative, von niemandem gewünschte Alternative: "Andernfalls werden Intermediäre diese Position einnehmen und die Kunden- und damit Datenschnittstelle zu den intelligent vernetzten Diensten und Produkten besetzen. Wenn die Plattformen, auf denen Indus­trie 4.0 aufbaut, technologisch und organisatorisch von internationalen Plattformunternehmen aus der IT-Industrie dominiert werden, können wesentliche Stärken des bisherigen deutschen industriellen In­novationsmodells verloren gehen. In der Plattformökonomie können branchenfremde Plattformbe­treiber die Schnittstelle zum Kunden besetzen und etablierte Unternehmen aus dem Fertigungsbe­reich zu reinen Zulieferern degradieren."

Es wäre zu wünschen, dass die Studie in den Chefetagen der gesamten deutschen Industrie zur Pflichtlektüre erklärt wird.

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