• PLMportal
  • Nachrichten
  • Kommentar zu Industrie 4.0: Strategieempfehlung der Forschungsunion greift zu kurz

Kommentar zu Industrie 4.0: Strategieempfehlung der Forschungsunion greift zu kurz

01.11.2012

Am 2. Oktober 2012 hat die Promotorengruppe Kommunikation der Forschungsunion Wirtschaft und Wissenschaft im Produktionstechnischen Zentrum in Berlin den Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 an Vertreter der Bundesregierung übergeben. Unter dem Titel „Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern – Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ wird erläutert, was der Arbeitskreis unter Industrie 4.0 versteht, und worin der Kernpunkt der empfohlenen Strategie gesehen wird: „Cyber-Physical Production Systems (CPPS) schaffen Smart Factories, der Inbegriff des Zukunftsprojekts Industrie 4.0.“ Leider wird damit nur ein Teil des gegenwärtigen Umbruchs in der Industrie zum Inbegriff von Industrie 4.0 gemacht.

Die Reduktion von Cyber-Physical Systems auf Cyber-Physical Production Systems entspricht leider dem reduzierten Blick auf die produzierende Industrie, wie er in der Gesellschaft, in der Politik und in weiten Teilen der Wissenschaft vorherrscht. Produzierende Industrie = Produktion. Dass es in erster Linie die Produkte sind, die richtig entwickelt sein müssen, damit sich ihre Produktion überhaupt lohnt, fällt dabei unter den Tisch. Die Bedeutung des Engineerings, der Produktentwicklung, kommt einmal mehr zu kurz.

Die Intelligenz und die Vernetzung sind in der Tat die Kennzeichen einer regelrechten industriellen Revolution. Ob Fahrzeuge, Kühlschränke oder der Inbegriff des modernen Produktes, das Smartphone – die Vernetzung mit anderen Produkten und der ganzen Welt über das Internet und Apps in der Cloud machen aus Produkten Systeme unter Systemen. Natürlich auch aus den Produkten der Investitionsgüterindustrie, die für deren Produktion, Montage und Auslieferung benötigt werden. Aber Weltmarktführer sind deutsche Unternehmen weiterhin nicht nur mit Automatisierungsanlagen, sondern mit einer Fülle von Produkten, die offenbar gerade unter den veränderten Marktanforderungen noch keiner so gut hinbekommt wie unsere Ingenieure. Weiße Ware und Automobile sind leuchtende Beispiele.

tl_files/plm/img/Nachrichten/Industrie 4 0 Definition.jpg

Wenn wir nur auf Fertigung und Montage schauen, geben wir unnötig viel Geld aus, das viel sinnvoller an anderer Stelle eingesetzt wäre. Produkte, die nicht als intelligente Systeme entwickelt wurden, müssen nachträglich mit hohem Aufwand für die intelligenten Produktionssysteme bereit gemacht werden. Alle Produkte werden intelligente Systeme. Deshalb muss das Engineering, muss die Entwicklung aller Produkte den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Sonst brauchen wir bald nicht mehr produzieren.

  • Die erste industrielle Revolution brachte der Menschheit die Dampfmaschine. Völlig neue Produkte wurden möglich, und natürlich neue Wege der Produktion.
  • Die zweite brachte das Fließband und damit die Serienfertigung und Arbeitsteilung. Das betraf in erster Linie die Produktion.
  • Die dritte beschenkte uns mit Leiterplatten und Steuerungssystemen. Auch wenn diese Revolution alle Produkte bereicherte und neue Funktionalitäten ermöglichte – der Kern war auch diesmal die Produktion, nämlich ihre Automatisierung.
  • Die vierte industrielle Revolution betrifft alles. Sie verändert das Produkt und macht es zum intelligenten Träger von Dienstleistung; sie verändert die Geschäftsmodelle und macht Unternehmen zu Softwareanbietern, die vor kurzem noch nicht wussten, ob sie Software nicht auch künftig ausschließlich zukaufen sollten; sie macht aus der Fabrik ein digitales Modell, das flexibel und mobil wird und sich mit seiner realen Umsetzung integrieren lässt.

Diese 4. Industrielle Revolution auf Produktionssysteme zu beschränken, ist gar nicht möglich. Aber wir können den Moment verpassen, zu dem Deutschland dabei noch eine wichtige Rolle als Industriestandort spielt. Es wäre ein Jammer.

Zurück