Neue Hintergrund-Rubrik: Low Code in der Industrie

13.12.2020

Es gibt eine ganze Branche von IT- und Service-Anbietern, für die Low Code (LC) das Hauptgeschäft darstellt. Auch zahlreiche Anbieter von Standardsoftware  und entsprechende Systemintegratoren entdecken dieses Thema als neues Geschäftsfeld und öffnen ihren Kunden damit neue Lösungsmöglichkeiten. Das Thema hat – wie so oft – seinen Ursprung nicht in der Industrie, sondern in anderen Teilen der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst. Aber es hat die Industrie erreicht und gerade auch das Umfeld von PLM.

Die erste Seite der Suche (Screenshot der ersten Treffer der Google-Suche "Low Code Bilder" am 13.12.2020)

Der Trend ist beileibe nicht auf PLM beschränkt. Aber seine Auswirkung ist auch in diesem Umfeld groß, weil es hier viele Probleme gibt, deren Lösung Anwender wie Anbieter auf die alte Art der Programmierung nicht oder nicht schnell genug näherkommen. Dazu bietet das PLMportal / Die Digitalisierer nun eine neue Rubrik im ‚Hintergrund‘, die das Potenzial und den Markt sowie die Anwendungsfelder von Low Code unter die Lupe nimmt.

Viele Prozesse im Engineering und den nachfolgenden Prozessen in der Industrie sind höchst komplex. Viele Tools sind für Projektmanagement, Workflow-Organisation, Zusammenarbeit innerhalb von und zwischen einzelnen Teams eines Unternehmens, aber auch mit Partnern und Lieferanten, entstanden und haben zahlreiche Arbeitsschritte erleichtert. Einer der umfassendsten Ansätze heißt Produkt-Lebenszyklus-Management (PLM), der von seinem Anspruch her alle Daten aller Fachbereiche zu einem Produkt über dessen gesamten Lebenszyklus allen Beteiligten bereitstellen und aktuell halten soll. Andere kaum weniger umfassende Ansätze sind Application Lifecycle Management (ALM) in der Softwareentwicklung und Enterprise Resource Management (ERP) für die Auftragsabwicklung und andere Unternehmensprozesse.

All diese Tools und Ansätze beruhen auf der Art von Software und den Methoden der Programmierung, wie sie in den Siebziger- bis Neunzigerjahren entwickelt wurden. Sie benötigen Softwarespezialisten, die sich darauf verstehen, Sourcecode in einer höheren Programmiersprache wie C++ oder Java zu entwickeln und zu testen. Informatiker gehören seit etlichen Jahren zu den gefragtesten Fachkräften. Sie sind in sehr vielen Gegenden und Anwendungsbereichen Mangelware. Das ist eines der Probleme mit der konventionellen IT.

Das zweite Problem: Auch wenn die Systeme unter dem Begriff Standardsoftware laufen und vermarktet werden – in den meisten sind Erweiterungen, Anpassungen, Spezialkonfigurationen und Zusatzentwicklungen immer noch nötig und an der Tagesordnung. Dieses Customizing führt dazu, dass bei Updates auf neue Versionen auch die Anpassungen, Schnittstellen und Zusätze im eigenen Haus berücksichtigt werden müssen. Auch damit ist das IT-Personal und das zugehörige Budget in sehr vielen Unternehmen überfordert.

Aber selbst wenn die Softwarespezialisten im Überfluss verfügbar wären, würde das am dritten Problem nichts ändern: Die digitale Transformation von Wirtschaft und Industrie verlangt eine Unmenge von neuen Ansätzen, Tools und Funktionen digitaler Vernetzung, die sofort gebraucht werden, nicht in Wochen, Monaten oder Jahren. Das Tempo der Entwicklung, das in den Neunzigerjahren ausreichend war, reicht dafür nicht mehr aus. Wenn die Lösungen nicht schnell genug da sind, kann das in diesem immer schneller werdenden Umfeld häufig heißen: Sie kommen zu spät.

Das – und natürlich die heutigen Rechen- und Speicherkapazitäten – sind die Gründe, die zu neuen Ansätzen und einer Vielzahl von neuen Tools geführt haben, die für ihren Einsatz überhaupt nicht auf Informatiker angewiesen sind. ‚Citizen Developer‘ ist das noch relativ neue Schlagwort, das sozusagen den Normalbürger zum potenziellen Entwickler erklärt. Ohne Studium oder mehrwöchige Lehrgänge in Programmierung, ohne Kenntnis einer speziellen Programmiersprache, ohne Compiler, der neben der Programmiersprache beherrscht werden muss, um die Hochsprachen-Programme in maschinenlesbare umzuwandeln.

Die neuen Low Code Tools – der Begriff wurde übrigens 2014 von Gartner geprägt – funktionieren großteils mit graphischer Oberfläche, bei der Blöcke für Anwendung oder Aufgabe stehen, während die Beziehungen und Datenflüsse durch Linien beziehungsweise Pfeile dargestellt werden. Sie sind tatsächlich so einfach zu bedienen, dass damit nahezu jedermann zum ‚Programmierer‘ werden kann.

Meist geht es um einfache, kleine Anwendungen, die kurzfristig gebraucht werden und für die keines der im Unternehmen implementierten Systeme eine Funktion aufweist. Während der Nutzer die kleinen Programmierblöcke zusammenbaut, wird im Hintergrund automatisch der entsprechende Sourcecode erzeugt, der sich beispielsweise auf vorhandene Bibliotheken häufig benötigter Funktionen stützt. Niemand würde da einen digitalen Schalter für Ein/Aus neu erfinden und in einer Hochsprache programmieren. So etwas ist vorhanden und wird mit derartigen Tools so massenhaft getestet und eingesetzt, dass es eine viel größere Sicherheit für den ‚Programmierer‘ bietet.

Low Code kann aber auch zur Ergänzung großer Systeme von Standardsoftware zum Einsatz kommen. Bevor das System verändert, angepasst oder erweitert wird, ist schnell eine Funktion gebastelt, die entweder von der Standardsoftware gestartet werden kann, oder die umgekehrt Funktionen der Standardsoftware verwendet.

Beide Anwendungsmöglichkeiten sind natürlich in allen Industrieprozessen genauso häufig anzutreffen wie in Versicherungen, Banken, Telekom- und anderen Dienstleistungsunternehmen oder -einrichtungen. Auch im unmittelbaren Umfeld von PLM und Engineering machen sich ja Referenten landauf landab darüber lustig, dass die wichtigsten Daten in vielen Unternehmen auch zwei Jahrzehnte nach dem Start von PLM immer noch in Tabellen oder Text-Systemen zu finden sind.

Die neue Art, zu programmieren, ohne Sourcecode zu schreiben, wird sowohl die IT-Landschaft in den Unternehmen als auch erst recht die Anwendungen in den industriellen Wertschöpfungsprozessen massiv verändern. Ohne in den Chor der Propheten einstimmen zu wollen – dass hier auch in der Industrie Milliarden-Umsätze zu machen sind, ist ein offenes Geheimnis.

Die Veränderungen können vielfältig sein, und die IT-Anbieter müssen sich diesen Veränderungen stellen. Denn natürlich bedeuten sie, dass nicht mehr für jede neue Herausforderung nach einer Lösung im alten System gesucht wird. Da stellt sich dann die Frage, wie gut der Anbieter bei den neuen Methoden mithalten kann, und wie gut sich das konventionelle Geschäft mit dem neuen verbinden lässt. Die Angst, den eigenen IT-Umsatz zu kannibalisieren, kann dazu verleiten, das Thema klein zu reden und zu spät mit eigenen Angeboten in dieser Richtung zu kommen.

Low Code ist nicht die neue Art, PLM-Systeme zu entwickeln. Es ist auch kein Ersatz für PLM, ALM oder ERP und all die anderen etablierten Applikationen. Es ist kein Wundermittel, das nun alle Probleme löst, die bisher unlösbar schienen. Aber es ist bereits dabei, seinen Platz auch in den industriellen Umgebungen zu finden.

Deshalb gibt es nun eine eigene Rubrik im ‚Hintergrund‘ von PLMportal / Die Digitalisierer, die sich damit beschäftigt. Anbieter von Software und Service sind ebenso wie Anwender und Lösungssuchende eingeladen, ihre Positionen zu diesem Thema zu präsentieren.

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