Quo Vadis, „PLM“?

22.10.2019

Fast 20 Jahre lang galt PLM als der Dachbegriff für Software, die alle Daten von Produkten über ihren ganzen Lebenszyklus managen lässt. Jetzt haben sich alle großen Anbieter von diesem Begriff verabschiedet, ohne ihn gegen einen neuen zu tauschen. Was bedeutet das für die Anwender in der Industrie? Und was wird mit all den Namen und Marken, in denen heute der Terminus PLM als Kern steckt?

PLM, das stand fast 20 Jahre für Produkt-Lebenszyklus-Management. Für das Management aller Daten, die zu einem Produkt gehören. Von der Idee und den Anforderungen über Design und Engineering, Produktionsplanung und Produktion, Simulation und Test, Vertrieb und Marketing bis hin zum Kundendienst und zur Wartung. Das war jedenfalls der große Anspruch, der damit verknüpft wurde. Im sendler\circle haben die Anbieter sich in langen Grundsatzdebatten auf eine gemeinsame Definition geeinigt, die mit den Liebensteiner Thesen im Mai 2004 verabschiedet und veröffentlicht wurde.

Von Anfang an klaffte aber zwischen dem Anspruch, den der Begriff beinhaltete, und der Praxis der PLM-Implementierung wie der Funktionalität entsprechender Systeme ein Graben, der bis heute nicht wirklich geschlossen werden konnte. Es waren hauptsächlich die im Engineering erzeugten mechanischen Geometriedaten der 2D- und 3D-Modelle, die hier verwaltet und bereitgestellt werden konnten.

Daten aus der Elektronik und Software, aus der Simulation und Berechnung, aus der Produktionsplanung und Produktion, aus der gesamten Auftragsabwicklung – sie mussten per Schnittstellen nicht selten mit erheblichem Aufwand integriert werden oder gehörten eben nicht dazu. Und die Spezialisten der entsprechenden Bereiche hatten höchst selten das Gefühl, dass PLM für sie das richtige Dach darstellte. Deshalb ist es bis heute für die große Mehrzahl der Industrieunternehmen kaum möglich, eine wirklich umfassende PLM-Strategie umzusetzen. Nur wenige, meist größere und finanzstarke Konzerne haben hier Nägel mit Köpfen zu machen versucht.

Und das, obwohl mit Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge, erst recht mit dem zunehmenden Einsatz von KI und Maschinenlernen, die Verfügbarkeit einer geschlossenen, aktuellen und eindeutigen Datenkette über den gesamten, erweiterten Wertschöpfungsprozess nicht weniger wichtig geworden ist. Im Gegenteil: Wer die Daten aus dem Produktbetrieb im IoT nicht zurückspielen kann in einen PLM-Backbone, der kann sie für viele wertvolle Zwecke gar nicht nutzen.

Definitionsseite PLM und PLMportalDoch ausgerechnet jetzt verschwindet der Begriff aus den Produkt- und Firmennamen. Er taucht kaum noch auf Messen auf. Man muss schon genau lesen und hinschauen, um ihn noch als Begriff für das Management industrieller Prozesse zu finden.

Dassault Systèmes arbeitet mit dem Namen 3DEXPERIENCE für das gesamte Produktportfolio. Bei SAP findet sich PLM als eines von vielen Themen des Extended Supply Chain. Siemens hat den Firmennamen Siemens PLM Software gegen Siemens Digital Industries Software getauscht und spricht vom Comprehensive Digital Twin als Kern des Angebots. PTC konzentriert sich seit Jahren auf die Plattform ThingWorx für das Internet der Dinge und kommt nur gelegentlich auf den Begriff PLM zurück.

PLM und CIM

Es ist auf den ersten Blick etwas, das vergleichbar zu sein scheint mit der Entwicklung des Begriffs CIM in den 80er und 90er Jahren. Übrig blieben damals einige Namen wie CIMdata als Name der US-Beratungsfirma und CIM Database als Name der deutschen Software von Contact Software in Bremen. Jetzt gibt es die Firma XPLM, die Veranstaltungen PLM Europe und PLM Roadmap, mein PLMportal und einige andere Produkte und Firmennamen, aber generell verschwindet der Begriff allmählich aus der Debatte.

Aber bei genauerem Hinsehen ist es anders als bei CIM. Während jenes in erster Linie ein Marketingbegriff war, der mit der Realität in der Industrie so gut wie nichts zu tun hatte, ist PLM ein Begriff, der nach wie vor für die durchgängige Datenkette in den Unternehmen steht. Nur ist das nicht mehr das oberste Ziel der Unternehmen. Es spielt eine nicht unwichtige Rolle bei ihrer digitalen Transformation. Aber oft ist es wichtiger, welche Geschäftsmodelle entwickelt werden und wie sich die Unternehmen in der digital vernetzten Welt neu positionieren.

Der große Unterschied: Nach CIM änderten sich oder verschwanden viele Produkt- und Firmennamen, weil sich andere Produkte als wichtiger für die Industrie erwiesen. Auch heute ändern sich Firmen- und Produktnamen oder verschwinden, aber vor allem, weil nicht mehr der Verkauf von Produktlizenzen im Vordergrund steht, sondern das Angebot und die Vermarktung von konkreten Lösungen für sehr dringende Probleme. Oft über die Cloud.

Auch die Industrie wandelt sich vom Kunden zum Nutzer

Es ist der Wechsel der sich wandelnden Industrie von Produktkunden zu Lösungsnutzern, der den Begriff PLM in den Hintergrund drängt. Es ist nicht mehr wichtig, mit welchem System oder Tool eine Lösung erzielt wird. Wichtig ist das Ergebnis, wichtig sind Flexibilität und Skalierbarkeit. Nicht wichtig ist, wie der Anbieter sein System nennt.

Industrie 4.0 und das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz und Maschinenlernen, Cloud Services und Big Data Analytics – die Welt der Anwender wird immer schneller immer komplexer. Diese Komplexität verlangt nach einfachen und schnell einsetzbaren Lösungen. Wie wir das dann nennen, wird wohl eher ein Problem der schreibenden Zunft sein als das Problem der Anbieter und Anwender. Wohin geht es mit dem Begriff PLM? Es bleibt ein Kürzel für einen Teil der Lösungen, die die Industrie braucht. Aber als Dachbegriff taugt PLM nicht mehr.

Für das PLMportal habe ich mich entschlossen, den Namen vorläufig nicht zu ändern. In der Definitionsseite des Portals (siehe Bildausschnitt oben) habe ich unter der Überschrift "Der Begriff PLM heute und der Name PLMportal" der Veränderung des Begriffs Rechnung getragen. Dass das Portal sich nicht auf PLM im engeren Sinne beschränkt, wissen meine Leserinnen und Leser ohnehin schon lange. Ich werde unter demselben Namen auch künftig Nachrichten und Informationen bieten, die ich für die Ingenieure, Informatiker und Manager in der Industrie und für die Forscher im Umfeld für relevant halte. In der ganzen Breite, die dabei zu berücksichtigen ist.

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