Siemens PLM Connection Europe 2018

03.11.2018

1.200 Teilnehmer, etwa zur Hälfte Kunden, im Übrigen Siemens-Mitarbeiter und Partner – ohne Zweifel eine PLM-Großveranstaltung. Auch wenn sie von der Kundenvereinigung PLM Europe User Committee organisiert wird, lag der Schwerpunkt vor allem auf neuen Features und Functions von Siemens PLM Software.

CTO Jim RuskWie im Vorjahr präsentierten CEO Tony Hemmelgarn, CTO Jim Rusk (Foto Sendler) und ihre Spezialisten im Plenum am Montagvormittag, diesmal an anderen Beispielen und mit anderen Funktionen, wie umfassend das Portfolio von Siemens PLM Software inzwischen die Prozesse der Fertigungsindustrie und des Anlagenbaus unterstützt. Von der Erfassung der Systemanforderungen über das Engineering von Produkt und Produktion bis zur Nutzung der Daten während des Betriebs. Drei Tage nutzten mehr als 600 Anwender, um sich mit dem Hersteller und seinen Partnern aus erster Hand über mögliche Lösungen zu informieren. Ihr Hauptinteresse lag dabei mit großem Abstand auf der Zusammenarbeit über den gesamten Produktlebenszyklus, wie der Vorsitzende von PLM Europe, Maartens Romers eingangs aus einer Teilnehmerbefragung berichtete.

Die Industrie-Cloud-Lösung MindSphere spielte eher eine Nebenrolle, auch wenn sie immer wieder erwähnt wurde. Und auch die Tatsache, dass Teamcenter als erstes und bisher einziges PLM-System von Cloud-Vorreiter Amazon Web Services (AWS) anerkannt ist, wurde – wie die gesamte Cloud-Strategie von Siemens – nicht in den Vordergrund gestellt. Zu beiden Punkten konnte ich allerdings in Einzelgesprächen mit den Verantwortlichen Näheres in Erfahrung bringen.

Bill BoswellBill Boswell (Foto Sendler) ist Vice President für Marketing, Cloud Applications Solutions und MindSphere. Seit die Industrie-Cloud vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurde, hat sich hier schon eine Menge getan. Im Januar dieses Jahres wurde in Berlin die MindSphere World gegründet. In diesem Verein sind zahlreiche Kunden und Partner von Siemens Mitglieder, die sich aktiv an der Gestaltung der Cloud-Plattform beteiligen. Im Juli kam eine entsprechende Gründung in Italien dazu. Laut Bill Boswell werden in der nächsten Zeit in den USA, in Japan und anderen Regionen ebenfalls solche Vereine aus der Taufe gehoben. Der Plan, MindSphere gewissermaßen weltweit zum Betriebssystem für das Internet der Dinge zu machen, scheint Gestalt anzunehmen.

Als Infrastruktur in der Cloud legt sich Siemens dabei nicht auf einen Anbieter fest. AWS ist einer, Microsoft Azure und Alibaba in China werden vermutlich noch vor Ende des Jahres auch dazugehören. Und in mittlerweile mehr als 20 Zentren arbeiten fast tausend Mitarbeiter von Siemens an Apps und Tools, die es den Kunden erleichtern sollen, die Plattform für ihre eigenen Geschäfte mit ihren eigenen Kunden zu nutzen. Plattform als ein Service (PaaS) ist das Angebot, mit dem Siemens ein Terrain besetzt, das noch vor sehr kurzer Zeit in der Industrie beinahe undenkbar schien. Dienste auf Basis von Produktbetriebsdaten aus der Cloud wird offenbar gerade ein Renner.

Dabei zeichnet sich eine Besonderheit ab, die in Zeiten des wachsenden Unwohlseins über die Allmacht der Internet-Giganten wie Google und Facebook besonders bedeutsam scheint: Siemens bleibt bei der gleich zur Geburt von MindSphere getroffenen Festlegung, dass alle Daten, die in MindSphere gespeichert, analysiert und bereitgestellt werden, den Kunden gehören. Siemens hat keinerlei Zugriff darauf, alle Daten sind sicher verschlüsselt. Es sei denn, der Kunde will zusätzliche Dienste von Siemens in Anspruch nehmen und deshalb seine Daten oder einen Teil davon gezielt öffnen. Das ist exakt das Gegenteil des bisher aus dem Silicon Valley bekannten Geschäftsmodells, nach dem alle Daten ungefragt erst einmal dem gehören, der sie am besten zu verkaufen versteht. Die Umkehrung dieses Prinzips der Nutzung des Internets durch die Industrie könnte ein wichtiger Schritt sein auf dem Weg zu einer Korrektur der aus dem Ruder gelaufenen, bis auf das suboptimale DSGVO weitgehend gesetzlosen Nutzung von Daten für neue Geschäftsmodelle.

Auch hinsichtlich des Einsatzes von Industriesoftware aus der Cloud anstelle der Installation vor Ort schlägt Siemens PLM Software einen eigenen Weg ein. Allenthalben sieht und hört man von Versuchen der Anbieter von Industriesoftware, ihre Kunden möglichst schnell und reibungslos von der Lizenz für installierte Systeme zu sogenannten Subskriptionsmodellen, also zur Bezahlung für die Verwendung über einen bestimmten Zeitraum, zu bewegen. Nicht immer gehen diese Versuche gut aus. Manchmal verschwinden zuvor wichtige Anbieter wie Autodesk fast von der Bildfläche ihrer Branche. Siemens macht das Gegenteil. Über Subskription redet hier niemand. Aber jeder kann die Software aus der Cloud haben, wenn er will.

Sandy ColemanSandy Coleman (Foto Sendler), Senior Director Cloud Services bei Siemens PLM Software, und Rohit Tangri, Vice President, Product Management, Marketing, and Business Development für Teamcenter, erläuterten detailliert, wie sich das Cloud-Angebot von Siemens seit 2012 sehr rasch so weit entwickelt hat, dass heute alle Teile des riesigen Portfolios aus der Cloud genutzt werden können. Nicht über jede Plattform, weil nicht jede Plattform in der Industrie gleich gut positioniert ist und Erfahrung mit industrieller Anwendung hat. Sandy Coleman sagt, in den letzten fünf Jahren seien nahezu alle Anwendungen für die Industrie ins Cloud-Angebot gewandert, bis auf die Anwendungen direkt für die Produktion. Aber seit etwa einem Jahr sei auch die unmittelbar für die Automatisierung und Produktion eingesetzte Software über die Cloud verfügbar und auch im Einsatz. Wie viele Kunden bereits von diesem Angebot Gebrauch machen, wie viele nur die Software aus der Cloud nutzen, aber die Daten bei sich im Haus halten, darüber gibt Siemens grundsätzlich keine Zahlen heraus.

Rohit TangriSandy Coleman sagt: „Spätestens, seit Valeo Siemens eAutomotive Germany selbst diesen Schritt vollzogen hat, und zwar einschließlich der Produktion, sehen wir gerade im Mittelstand eine schnell wachsende Nachfrage. Das ist natürlich ein wichtiges Argument, wenn Siemens selbst einen solchen Schritt macht.“ Und Rohit Tangri (Foto Sendler) ergänzt: „Für uns ist es eigentlich gleich, ob die Kunden ihre Zahlungsart wechseln oder nicht. Es wird nur in Zukunft bestimmte Features und Funktionen geben, die wir besser als App in der Cloud bieten und gar nicht mehr als Teil der festinstallierten Systeme entwickeln. Das könnte im Laufe der zeit zu einem Argument für immer mehr Kunden werden, zu wechseln. Aber wir überlassen die Entscheidung vollständig den Kunden. Sie wissen am besten, wann für sie der richtige Zeitpunkt ist. Und wir sind schon längst bereit und auf verschiedenen Plattformen verfügbar.“

Es ist interessant zu sehen, wie die konservative Haltung von Siemens und von seinen Kunden in allen Branchen der Industrie eine Großveranstaltung wie die PLM Connection auf den ersten Blick eher ein wenig alt aussehen lässt. Aber auf den zweiten Blick zeigt sich, dass die Innovationsfähigkeit des Teams und seiner Produkte darunter keineswegs leidet. Der Wettbewerb um die Digitalisierung der Industrie bleibt spannend.

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