"Volkswagen Industrial Cloud" mit AWS und MindSphere

30.03.2019

Innerhalb von drei Tagen wurden Amazon Web Services (AWS) und Siemens MindSphere als Kernelemente der neu begründeten Volkswagen Industrial Cloud bekanntgegeben. Die Bedeutung des Großprojektes geht weit über die Fahrzeugindustrie hinaus.

Volkswagen Industrial CloudAm 27. März gab es in Print und TV Bilder von VW Vorstandschef Herbert Diess und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Lächelnd teilten die Lenker der beiden Großkonzerne mit, dass sie in einer mehrjährigen gemeinsamen Entwicklung eine „Volkswagen Industrial Cloud“ (Bild VW) schaffen wollen, die Produktion und Logistik von 122 VW-Fabriken datentechnisch zusammenführen soll.

Zwei Tage später verkündete am 29. März eine gemeinsame Pressemitteilung von Siemens und VW, dass Siemens mit seiner Industrie-Cloud-Plattform MindSphere Integrationspartner der VW Industrial Cloud wird.

Sowohl für Amazon Web Services, den Cloud- und KI-Arm von Amazon, als auch für Siemens mit seinem vor drei Jahren begründeten Cloud- und KI-Angebot MindSphere ist dieser Schritt eine entscheidende Wegmarke. AWS kann sich als zentraler Player in der Industrie, nicht nur in Handel und Dienstleistung, positionieren. Und für Siemens MindSphere ist es das erste Großprojekt in einem internationalen Großkonzern der Automobilindustrie, nachdem bisher hauptsächlich kleinere und mittlere Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus über MindSphere ihren Weg in die Cloud suchten.

Das Industriespezifische kommt mit MindSphereDie scheinbar grenzenlos skalierbare Cloud-Infrastruktur und eine sehr umfangreiche Palette von KI-Tools für alle denkbaren Anwendungen ist der Basis-Beitrag von AWS. Die Industrie-Plattform von Siemens bringt das spezifische Know-how aus industrieller Automatisierung bis hin zu virtueller Inbetriebnahme am digitalen Zwilling und die Analyse von Produktions- und Logistikdaten vor Ort durch Edge-Computing. (Foto Sendler bei Pressekonferenz SPS 2018)

Neben den 122 VW-Werken sollen über 30.000 Standorte von mehr als 1.500 Zulieferern und Partnerunternehmen an die neue Cloud angeschlossen werden. Und MindSphere steht als Plattform weiteren Partnern offen.

Diese doppelte Partnerschaft von VW ist ein historischer Einschnitt. Cloud und KI erfassen mit diesem Projekt umfassend Produktion und Logistik und damit unmittelbar die Kernbereiche industrieller Wertschöpfung, in denen durch die digitale Vernetzung noch erhebliche Kosteneinsparungen erreicht werden können. Die Digitalisierung der Industrie geht in die nächste Phase.

Auf Basis der Plattform sollen neue Dienste und Geschäftsmodelle für VW wie für die Lieferanten und Partner ermöglicht werden. Der Wandel der Fabrik zur Smart Factory nimmt Gestalt an.

Es wird dabei nicht bleiben. Über die Cloud können natürlich auch alle Engineering-Daten von VW in alle denkbaren Szenarien eingebunden werden. Ebenso die Daten aus der Nutzung der vernetzten Fahrzeuge, nicht nur der zu ihrer Herstellung eingesetzten Maschinen, Produktionsanlagen und Roboterstraßen. Der gesamte Produktlebenszyklus, der gesamte Wertschöpfungsprozess des Automobilherstellers und seines Ökosystems nimmt seinen Weg in die Cloud.

Es ist mit VW ein internationales Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, mit dem Amazon diesen Schritt macht. Nicht Ford, Boeing oder Apple. Und es ist mit Siemens ein internationales Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, das die industrietechnische Grundlage dafür legt. Nicht Google oder Microsoft.

In den Presseerklärungen fehlt wie bisher generell ein Hinweis von Siemens darauf, dass mit MindSphere ein grundsätzlich anderes Geschäftsmodell verfolgt wird als von den Giganten aus dem Silicon Valley. Die in dieser Cloud verarbeiteten und verwerteten Daten gehören prinzipiell den Kunden, also VW und den Partnern und Lieferanten, nicht dem Plattformbetreiber Siemens, also auch nicht dem darunter liegenden Infrastrukturanbieter AWS. Diese Tatsache kann gar nicht genug betont werden. Denn darin liegt die große Chance, aus dem führenden Industriestandort Deutschland einen Standort zu machen, der für einen neuen, besseren Weg in die Internet- und Datenwirtschaft steht.

Spätestens, wenn in der Cloud auch die Daten der Fahrzeuge und ihrer Fahrer und Besitzer für Geschäfte genutzt werden, wird es entscheidend sein, welcher Weg sich durchsetzt. Folgt VW dann Jeff Bezos, der sich bisher um die Daten seiner Nutzer so wenig gekümmert hat wie Zuckerberg? Oder folgt VW der Siemens AG, die zumindest für die Industrie das Gegenteil für richtig hält? Sagt VW dann wie Bezos, die Daten gehören dem, der sie hat? Oder sagt VW, die Daten gehören prinzipiell dem Kunden und Nutzer, also dem Fahrer oder Besitzer?

Diese Cloud im Auge zu behalten, ist nicht nur für IT-Anbieter und Wirtschaftsführer interessant. Es ist wichtig für die ganze Gesellschaft, deren Leben sich gerade grundlegend verändert.

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