PROCAD: Bleibt alles anders, Herr Wawer?

PROCAD: Bleibt alles anders, Herr Wawer?

Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Volker Wawer, Johann Dornbach und Gerhard Knoch in Karlsruhe am 29. September 2020

Geschäftsführung von PROCADVon links: Gerhard Knoch, Volker Wawer, Johann Dornbach (Foto Sendler)

Wer 2020 mit der Geschäftsführung von PROCAD spricht, spürt einerseits die Kontinuität eines langjährig erfolgreichen, mittelständischen IT-Lieferanten für den Mittelstand, von Volker Wawer mit einem stetig wachsenden Team in Jahrzehnten aufgebaut. Andererseits ist ein Neuanfang deutlich, der weit über die Bildung der derzeit dreiköpfigen Geschäftsführung hinausgeht.

Johann Dornbach kam bereits Ende 2019 hinzu. Nach vielen Jahren Verantwortung bei SAP im Umfeld der Entwicklung und des Vertriebs von Software für das Engineering der Kunden. Gerhard Knoch wechselte im Juli 2020 von Infor und verantwortet nun die strategische Ausrichtung im Führungsteam. Beide verfügen über reichlich Erfahrung im Ausland, beide wissen, wie der Mittelstand denkt und handelt. Mit ihnen hat Volker Wawer zwei Nachfolger gefunden, die bei der Neuausrichtung des Unternehmens ganz bewusst auf das Fundament setzen, das PROCAD in seinem Kundenstamm etabliert hat.

Das Interview mit den Geschäftsführern drehte sich hauptsächlich um die Veränderungen, zu denen Corona bei PROCAD und seinen Kunden geführt hat. Aber natürlich spielt auch die ganz unabhängig von der Pandemie auf den Weg gebrachte Neuausrichtung eine wichtige Rolle.

Ulrich Sendler: Welche Folgen sieht PROCAD ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie in Deutschland für die Industrie?

Volker Wawer: Das Hauptproblem war der Zusammenbruch der Lieferketten, nicht der Nachfrage. Zuerst hat es die getroffen, die aus Norditalien beliefert werden. Es gab sogar regelrecht paradox erscheinende Fälle von Produktionsstillstand gerade in der Medizintechnik, wo Teile für Prothesen fehlten. Die sehr starke Vernetzung der Industrie in Europa und der Trend der letzten zehn, fünfzehn Jahre zur totalen Globalisierung mit Montage in Billiglohnländern – in der Pandemie wurde plötzlich sichtbar, dass auch dies zwei Seiten hat. Ganz ohne Pufferlager steht ein Unternehmen schlecht da. Natürlich gab es auch strukturelle Probleme in manchen Industrien, die jetzt nur deutlicher zutage getreten sind. Manchen Firmen kam die Möglichkeit der Kurzarbeit vielleicht auch gelegen. Wir haben erlebt, dass vorhandene Aufträge nicht abgearbeitet wurden, weil die Unternehmen lieber Kurzarbeit in Anspruch nahmen.

Gerhard Knoch: Für die Verankerung des Homeoffice hat der Lockdown natürlich sehr geholfen. Plötzlich war die Bereitschaft dazu auf allen Seiten da, und sie wird auch nicht wieder verschwinden. Und dabei haben die Kunden unmittelbar gespürt: Alles muss elektronisch gehen. Und es geht, das haben sie auch gemerkt.

Johann Dornbach: Nach kurzem Runterfahren der Aktivitäten wurden sie recht schnell wieder hochgefahren, weil die Anwender mit ihrem System genauso gut auch zu Hause arbeiten können.

Ulrich Sendler: Wie traf Corona das eigene Geschäft?

Volker Wawer: Wir haben natürlich wie die meisten auch schlagartig umgestellt auf Homeoffice. Für alle Mitarbeiter. Die Diskussion darüber gab es schon lange. Es fehlte nicht an Vertrauen, aber wir wussten, dass mit dem Homeoffice eine soziale Komponente auf der Strecke bleibt. Nur mit Kamera und Agenda in der Videokonferenz fehlt das normale Gespräch. Besonders schwierig war es für die, die während dieser Zeit bei uns neu angefangen haben. Künftig wird es sicher einen stärkeren Homeoffice-Anteil geben. Aber wir werden auch wieder ein normales Miteinander schätzen lernen.

Johann DornbachJohann Dornbach (Foto Sendler): Schon vorher konnte jeder einen Tag pro Woche zu Hause arbeiten, das wurde im Team und mit dessen Leitung abgestimmt. Wir hatten das im Winter eingeführt. Es ging gut, weil bei uns die Prozesse digital sind.

Aber das eigene Geschäft? In den ersten Wochen brach einfach alles ein: das Geschäft, die Beratung, die Implementierung. Niemand war erreichbar, manche Firmen komplett geschlossen. Aber auch Beratung kann man digital machen. Vieles ist jetzt remote, manchmal sogar Vertriebstermine.

Es gab auch sehr Positives: In Österreich beispielsweise staatliche Unterstützung für Digitalisierungsprojekte in der Industrie. Die Krise soll als Chance genutzt werden. Das kommt uns natürlich zugute.

Gerhard Knoch: Die meisten Kunden haben Projekte erst einmal geschoben und waren vorsichtig. Aber schon im Juli hatten wir wieder Neukunden in Italien und in Ostdeutschland. Manche wollten gerade jetzt investieren, um wieder vorwärts zu kommen. Das hat sich im August fortgesetzt.

Ulrich Sendler: Gibt es einen generellen Schub der Digitalisierung in der Industrie?

Volker Wawer: Tools für die digitale Zusammenarbeit in firmenübergreifenden Projekten sind enorm wichtig geworden. Viele Engineering-Leistungen sind ja Bestandteil der Lieferketten. Ein Mitarbeiter eines bekannten Automobilzulieferers erzählte mir, dass sie mit unserem Tool PROOM arbeiten, obwohl sie dafür gar nicht Kunde sind. Aber einer unserer Kunden hat seine gesamte Zusammenarbeit mit Partnern und Zulieferern auf dieses Tool für die Cloud-Collaboration verlagert. Da liegen dann Daten aller Art und Größe und sind für alle Zugriffsberechtigten überall verfügbar.

Johann Dornbach: Wir bereiten uns auf einen massiven Digitalisierungsschub in den nächsten 6 bis 18 Monaten vor. Die Anfänge sind schon zu spüren, aber es wird sich noch massiv beschleunigen. Als eine Antwort haben wir den PROOM Server stark ausgebaut. Es gibt jetzt zum Beispiel einen Kalender und ein Taskmanagement mit Lieferanten oder Kunden. Wir haben sehr gutes Feedback und wachsendes Interesse bei Bestands- wie bei Neukunden. Die neue Version PROOM 4.0, die in mittelfristiger Planung war, haben wir vorgezogen und bereits freigegeben.

Ulrich Sendler: Hat sich die Haltung der Kunden zur Cloud verändert?

Gerhard KnochGerhard Knoch (Foto Sendler): Gerade im Neukundenbereich wird die Cloud mehr und mehr nachgefragt. Das muss nicht heißen, dass sich dann auch alle dafür entscheiden. Aber sie wollen wissen, ob es möglich ist. Das war vor Corona in diesem Ausmaß noch nicht der Fall. Noch klarer ist das übrigens in den USA. Ohne PLM und Cloud-Lösungen geht da gar nichts. Hier sind wir mit unserem neuen Partner Omni DTS (Data Transformation Service) seit Juni 2020 gut aufgestellt.

Volker Wawer: Wir haben viele Anfragen zur Cloud. Und dazu muss man wissen: Unsere Software PRO.FILE unterstützt den Produktentstehungsprozess im Maschinen- und Anlagenbau. Wir haben vor allem Kunden im Mittelstand, von kleineren bis zu solchen mit mehreren Tausend Mitarbeitern. Diese Kunden mochten die Cloud vor Corona noch nicht wirklich. Das hat sich jetzt geändert. Einerseits wollen sie sich vor allem der Last des eigenen Rechenzentrums entledigen. Aber die Verlagerung allein senkt nicht unbedingt die Kosten. Mehr bewegen können sie, wenn sie erkennen, dass mit Software as a Service in der Cloud ganz andere Dinge möglich sind. Große Vorteile gibt es gerade im verteilten Arbeiten. Diese Erkenntnis ist jetzt da. PROOM ist dafür unser Leuchtturmprodukt.

Johann Dornbach: Die neue Version PRO.FILE 10 ist cloudfähig. Unsere Roadmap in Richtung Cloud haben wir nach Corona radikal geändert. PRO.FILE kann bei den Kunden schon ab Anfang 2021 sowohl in der Cloud als auch vor Ort laufen. Ein Jahr früher als ursprünglich geplant. Dafür haben wir eine Taskforce gebildet und zusätzliches Geld investiert. Die Dringlichkeit war sehr deutlich zu spüren. Wir sind mit Microsoft Azure als Cloud-Partner gestartet, aber später sind natürlich auch Lösungen mit AWS und anderen möglich, wenn das für die Kunden besser passt.

Volker Wawer: Der Desktop ist wegen der nötigen Performance allerdings weiterhin wichtig. Es braucht hybride Modelle. In der Cloud laufen die Datenbank und der App-Server, aber nach wie vor ist einige Intelligenz auch lokal verfügbar. Nicht über einen Fat Client, sondern über einen Desktop-Client, der mit dem App-Server kommuniziert. Die Logik liegt auf dem App-Server, aber lokale Performance, Grafikleistung und so weiter bietet der Desktop-Client. Bei manchen Kunden dauert das Laden eines 3D-Modells noch lokal vier oder fünf Stunden. Das lässt sich über die Cloud nicht lösen. Bei anderen, die nur kleine Dateien haben, ist anderes denkbar. Ein Kunde hat bereits alles auf dem Cloud-Server und weltweit im Zugriff. Lokal liegt gar nichts mehr.

Eins würde ich zum Thema Cloud gerne noch sagen, für eine Fragestunde bei Kanzlerin Merkel oder der Person, die danach das Ruder in der Hand hat: Der Internetzugang ist ein Grundbedürfnis in Deutschland. Wie Wasser und Strom. Mit manchen Kunden brauche ich über die Cloud gar nicht reden, wenn sie an ihrem Standort keinen richtigen Zugang haben. Manches am Thema Cloud hängt einfach an der letzten Meile. Wenn die nicht verkabelt ist, gibt es keine Digitalisierung.

Ulrich Sendler: Welche Veränderung erfahren die Themen PDM, PLM und Dokumentenmanagement?

Johann Dornbach: Digitalisierung heißt für uns und unsere Kunden, Daten aus dem Engineering, aus F&E zu haben, freigegeben für Vertrieb und Produktion. Das Internet der Dinge, IoT, hat einige Jahre Verunsicherung gebracht. Aber das alles geht nur mit PDM und PLM. Ich glaube, das haben noch  nicht alle verstanden. Da haben wir noch eine Aufgabe, zu missionieren. Durch Corona ist die Bereitschaft enorm gewachsen, sich ernsthaft damit zu beschäftigen. DMStec ist dagegen ein Lösungsansatz für technische Dokumentation in allen Bereichen eines Unternehmens außer dem Engineering. Wenn Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie verfolgen brauchen sie alle Daten über das Netz. Das funktioniert nicht mit Papierordnern. An dieser Stelle ist Gabo unser Partner. Er kümmert sich um die strukturierte Dokumentenaufnahme und nutzt dazu unsere Software, aber auch KI und Deep Learning.

Volker Wawer: DMStec ist ein wichtiger, neuer Schwerpunkt für PROCAD. Viele Unternehmen – und auch Stadtwerke und andere Behörden – haben irgendwelche Maschinen oder große Anlagen im Einsatz. Aber die Dokumentation dazu ist in Ordnern auf Papier abgeheftet. Da sind wir derzeit sehr erfolgreich mit der Einführung eines strukturierten Dokumentenmanagements.

Ulrich Sendler: Hat die Pandemie auch Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle in der Industrie?

Gerhard Knoch: Es gibt sehr interessante Beispiele. Statt eines Fluges von Madrid nach Barcelona hat sich aufgrund eines neuen Geschäftsmodells eines Zuganbieters eine Bahnverbindung durchgesetzt. Der Anbieter garantiert technische Sicherheit und absolute Pünktlichkeit. Anderes Beispiel: Ein Hersteller sehr großer Sondermaschinen hat sein Geschäft auf Service statt auf Produktverkauf umgestellt. Das verändert die gesamte Branche und ihre Zulieferer. Solch einen Service selbst zu betreiben, macht den Unterschied. Aber die Pandemie hat auf derlei Veränderungen keinen großen Einfluss.

Ulrich Sendler: Gab es bei PROCAD Entlassungen oder Kurzarbeit?

Volker WawerVolker Wawer (Foto Sendler): Kurzarbeit hatten wir in den ersten vier Wochen, als bei den Kunden alles still stand. Derzeit haben wir keinen Plan für eine erneute Nutzung dieses Instruments. Entlassungen gab es keine wegen der Pandemie. Unsere Personalrekrutierung ging vielmehr kontinuierlich weiter. Wir haben Spezialisten im Marketing und für die Cloud gesucht und auch schon einige gefunden.

Ulrich Sendler: Was sind die drei wichtigsten Resultate von Corona aus Sicht von PROCAD?

Johann Dornbach: Das lässt sich einfach zusammenfassen: Erstens ist die Cloud bei uns und beim Kunden ganz vorne auf die Agenda gekommen. Zweitens hat Homeoffice in der Breite die Digitalisierung schlagartig beschleunigt und wird dies noch weiter tun. Und drittens bekommt durch die Pandemie die Zusammenarbeit gerade im Engineering ein anderes Gewicht.

Ulrich Sendler: Mit welcher Strategie geht PROCAD unter der neuen Führung in die Zukunft?

Gerhard Knoch: PROCAD wird sich stärker international aufstellen. Erster Schwerpunkt sind für uns dabei die USA. Aber wir denken auch an andere Regionen. Für unsere Produkte wollen wir verstärkt größere Kunden und den gehobenen Mittelstand gewinnen. Weiterhin mit dem Hauptfokus auf dem Maschinen- und Anlagenbau. Aber mit DMStec werden auch Stadtwerke und Anlagenbetreiber wichtiger. Bisher machen sie nur 10 bis 15 Prozent unserer Kunden aus. Diesen Anteil wollen wir mit Partnern vergrößern.

Ulrich Sendler: Was sind die wichtigsten Veränderungen, die der Markt sehen wird?

Gerhard Knoch: Wir bleiben ein Produkthaus. Wir wollen ein Wachstum, das sich an Lizenzen und SaaS-Abos messen lässt, nicht an Beratungsstunden. Wir wollen weiterhin sehr schnell mit Funktionen der Software live sein, die von unseren Kunden gebraucht werden. SaaS ist kein Widerspruch zum Produkthaus, nur ein anderes Abrechnungsmodell. Über 90 Prozent der Funktionalität von PRO.FILE erledigen die Kunden über die Konfiguration der Standardsoftware. Es ist fast kein Customizing notwendig. Das soll so bleiben, und darin wollen wir noch besser werden.

Volker Wawer: Das Stichwort heißt No code. Software soll für die Kunden ein Fertiggericht sein. Wir nutzen Blockly von Google. Das ist wie Programmieren mit Bauklötzen und kommt aus dem Bildungssektor. Wir bringen unsere IP in diese Klötzchen. Damit können die Kunden selbst ihre Zusatzfunktionen bauen. Ganz ohne Berater.

Johann Dornbach: Schauen Sie sich unsere neuen Visitenkarten und unsere Homepage an. PROCAD steht immer noch in der Firmenadresse, aber das große Logo gilt PRO.FILE. Unser Kernprodukt steht für uns als Produkthaus absolut im Vordergrund. CAD und Multi-CAD und die entsprechende Integration und das Management der Daten bleiben zentraler Bestandteil unseres Lösungsportfolios. Aber PRO.FILE geht ja längst weit darüber hinaus und deckt die Prozesse, den gesamten Produktlebenszyklus und das Projektmanagement ab.

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